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„Viseo+“ - RTL wird käuflich (1/2)

Es liegt in der Luft: „Grundverschlüsselung“ und MPEG-4

DVB-T und Pay-TV. Montage: Dehn Viseoplus-Logo Es gehe nicht an, „einen von drei Verbreitungswegen unverschlüsselt zu lassen“ hatte RTL-Chefin Anke Schäferkordt schon im Mai 2006 gefordert. 2009 erfüllte sie sich ihren Wunsch: Die „Grundverschlüsselung“ - lange Zeit das Undenkbare in der Medienpolitik (und via Sat mit Entavio/Dolphin zunächst gescheitert) - hielt mit Rückendeckung der Landesmedienanstalten über die Antenne Einzug.

PayTV ab 2017!
Private Programme als Bezahl-Paket? Das wird mit DVB-T2 HD und Freenet TV ab Ende März 2017 Realität.
„Die Hoffnung, dass nicht auch DVB-T zur Geldmaschine gemacht wird“ war trügerisch. Am 15. Oktober 2009 startete RTL sein grundverschlüsseltes Paket Viseo+ in Stuttgart, am 7. Dezember 2009 in Leipzig und Halle. Mit dem Auslaufen der Zuweisung wurde Viseo+ am 31. Dezember 2014 eingestellt. Mit dem Umstieg auf DVB-T2 soll ab Mitte 2016 eine gemeinsame Pay-Plattform der Privaten starten.

Abschaltung 2014
Die RTL-Gruppe bestätigte, dass die auslaufenden Lizenzen für Viseo+ nicht verlängert werden. Das Paket wird Ende 2014 eingestellt. RTL fokussiert statt dieses Sonderweges ab 2016 auf DVB-T2.
Kundenzahlen wurden nie veröffentlicht. Die Vermarktung stoppte 2013 - Settopboxen sind „leider ausverkauft“.
Medienanstalten öffnen Hintertür für Pay-TV über Antenne

Die Landesmedienanstalten führten da die „Kernbotschaft“ der seit 2002 laufenden der DVB-T Werbung nun selbst ad absurdum. Das im Abschlußbericht der öffentlich-rechtlichen DVB-T Taskforce wiederholte Ziel lautete: „Frei empfangbares digitales Antennenfernsehen schafft mehr Programmvielfalt in der Terrestrik“. Nachdem DVB-T in England als Pay-TV gescheitert war, hatte man bewußt für Deutschland auf Free-TV orientiert. Im Februar 2009 änderte sich die DVB-T Welt. Der Kniefall vor den wirtschaftlichen Interessen der Privatsender scheint die einzige Möglichkeit, wenigstens eine der beiden großen privaten Programmfamilien zum DVB-T Einstieg ausserhalb der Ballungsgebiete zu bewegen. Insbesondere die Landesmedienanstalten Baden-Württembergs und Mitteldeutschlands hatten in den letzten Jahren immer wieder mit unausgegorenen Aussagen für Schlagzeilen gesorgt.

Anfang 2009 bekommen die leeren Worte einen Inhalt. Im Februar 2009 teilte die baden-württembergische Anstalt LfK der RTL-Programmfamilie eine Frequenz im Raum Stuttgart zu. Das aber mit neuer Sendetechnik: Erstmalig in Deutschland ist nicht nur der Einsatz von MPEG-4 statt der gewohnten MPEG-2-Kompression. Das wird mit einer einer anderen Novität, der Conax-Grundverschlüsselung, kombiniert. Nun können sechs statt vier Programme in einem Multiplex (und bei etwa gleichen Verbreitungskosten) untergebracht werden. Neben vier eigentlich kostenlosen Programmen (RTL, SuperRTL, RTL II, Vox) finden auch die Pay-Programme RTL Crime und Passion Platz im ersten privaten Pay-Multiplex. Der Verkauf startete unter dem Namen Viseo+ in Stuttgart am 15. Oktober und in Halle/Leipzig am 7. Dezember 2009.

Landesmedienanstalten unterstützen die Grundverschlüsselung

Die Landesmedienanstalten hatten einer Grundverschlüsselung nie wirklich ablehnend gegenüber gestanden und äußerten sich befürwortend zur Stuttgarter RTL-Entscheidung. Sie sehen in der damit verbundenen Addressierbarkeit der Endgeräte (d.h. der direkten Ansprache des einzelnen Verbrauchers mit begleitetenden Inhalten wie z.B. Werbung) die Möglichkeit, den von zurückgehenden Werbeeinnahmen betroffenen Privaten geschäftliche Perspektiven zu bieten.

Das am 11. Februar 2009 lizensierte Stuttgarter Konzept nahmen die Landesmedienanstalten MSA (Sachsen-Anhalt) und SLM (Sachsen) bei ihrer (trotz ihres seit langem propagierten Optimismus) eher unerwarteten etwa zeitgleichen Ausschreibung eines Privat-Multiplexes für Halle und Leizig vorweg. Mit dem Hinweis auf alternative Datenreduktionsverfahren erwies sich die Ausschreibung als Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung RTL und ihres Stuttgarter Modells. Folgerichtig scheint, dass sich nur die Kölner Programmfamilie dort beworben hat und ihr damit der Zuschlag sicher war. Dieser wurde am 30. April 2009 bekannt gegeben.

RTL erzwingt Geräte-Neukauf

Selbst wer auf die Pay-Programme des Pakets verzichtet, kann die vier „frei empfangbaren“ Programme ausschließlich nur mit den Viseo+-Geräten nutzen. Geräteverkauf und Freischaltung übernimmt die Eutelsat-Firma Visavision GmbH. „Der Bruttoverkaufspreis wird bei ca. 100 Euro liegen. Darin enthalten ist schon eine einmalige Pauschale für die Bereitstellung aller technischen Dienste“, wirbt Visavision-Geschäftsführerin Martina Rutenbeck. Als Monatsgebühr für die beiden Pay-Programme nannte sie 2,99 Euro. Die wird zwar erst nach einer einjährigen Werbephase fällig. Aber schon nach einem halben Jahr muss man bei Visavision seine Daten hinterlassen, wenn man die beiden Pay-Programme im zweiten Teil der kostenlosen Phase sehen will.

RTL entwertet mit dieser Strategie allerdings die Investitionen seiner Zielgruppe in Endgeräte. In Stuttgart läuft DVB-T erst seit Mai 2006, in Halle/Leipzig seit Dezember 2005. Und längst geht es nicht mehr um Settopboxen. Auch die Fernseher, die im Verkauf die Boxen längst überholt haben, werden durch Viseo+ wertlos. Selbst, wenn - wie bei vielen aktuellen Geräten - MPEG-4 schon „drin“ ist und sie „für Pay-TV vorbereitet“ sind, ist der Empfang des RTL-Pakets nicht möglich. Haupthindernis ist überraschenderweise das Common Interface. Das sichere zwar den Jugendschutz, aber nicht den ebenfalls geforderten Kopierschutz.

Gleichwohl sei auch ein Modul-Vermarktungskonzept im Gespräch, heißt es bei Visavision. Dort kam noch das neue CI+-Verfahren ins Gespräch. Das würde die bis dahin akute Geräte-Misere beseitigen, denn dann könnte Viseo+ auch mit neueren Fernsehern, die eine CI+-Schnittstelle haben, genutzt werden. Dass ab März 2011 Decodierungs-Module angeboten werden sollten kam jedoch nie über die Ankündigung hinaus.

Umstieg auf CI+?

Für den Zuschauer heißt das: Für die neuen Programme muss ein neues und überteuertes Gerät angeschafft werden. Die von DVB-T gewohnte und beworbene freie Auswahl aus einem breiten Endgeräteangebot gibt es für Viseo+ nicht, da die Boxen nur von einem Anbieter bezogen werden müssen. Angesichts der nun auch für DVB-T drohenden Zeiten proprietärer Monopol-Geräte á la D-Box tröstet es wenig, dass diese auch die öffentlich-rechtlichen MPEG-2 Multiplexe empfangen können.

Noch einmal muss aber wiederholt werden: „Grundverschlüsselung“ heißt vordergründig nicht, dass aus Free-TV Pay-TV wird. Es geht um die Addressierbarkeit der Geräte. Das heißt: Jeder Haushalt könnte theoretisch individuell angesprochen werden. Der hintergründige Sinn liegt in Zusatzdiensten; der Programmveranstalter könnte damit z.B. Mehreinnahmen aus zielgerichteter Werbung erwirtschaften. Dazu herrscht indessen noch Schweigen im Medienwalde. Dass die Eutelsat-Tochter an dem Wegezoll á la Kabelgebühr profitiert, ist da fast schon ein Randaspekt.

Einstieg in MPEG-4 und „Grundverschlüsselung“ für ganz Deutschland?

Das Geschäftsmodell von RTL darf gleichwohl in Frage gestellt werden. In Sachsen nutzten 2009 5 Prozent, in Sachsen-Anhalt 4,4 Prozent der TV-Haushalte DVB-T. Auch mit Stuttgart (6,2 Prozent in Baden-Württemberg) und später vielleicht auch Ostwestfalen dürfte die Refinanzierung nicht gesichert sein. Selbst wenn die Free-Programme die beiden Pay-Kanäle kräftig mitziehen, dürften dort schwarze Zahlen eine Illusion sein.

So hat es den Anschein, dass RTL den Einstieg in die „Grundverschlüsselung“ für sich (und die privaten Wettbewerber) in ganz Deutschland probt. Perspektivisch droht die „Grundverschlüsselung“ privater Programme also auch den DVB-T Zuchauern in den Ballungszentren. Geht die RTL-Rechnung auf, könnte das eine Wiederauferstehung der „Grundverschlüsselung“ auch für Sat-Zuschauer bedeuten. Das wurde durch einen schon im Mai 2009 bekannt gegebenen Schritt bestätigt: RTL kündigte an, via Satellit zwei HDTV-Programme grundverschlüsslt über die Astra-Plattform HD+ abzustrahlen.

Ob die privaten Haushalte 2009 - nur wegen RTL und in Anbetracht der Wirtschaftskrise - zu diesen Investitionen bereit sind und damit der von den Landesmedienanstalten propagierte zweite Schub für die digitale Antenne tatsächlich Wirklichkeit wird, bleibt abzuwarten. Bis Ende 2010 wurden jedenfall - im Gegensatz zu vorherigen Bekundungen - keinerlei Nutzerzahlen bekannt gegeben.

MPEG-4 als Vorstufe von HDTV?

Schon 2005 hieß es aus dem Hause ProSiebenSat1, man werde sich nur dort an DVB-T beteiligen, wo es „eine klare Aussicht auf die Refinanzierbarkeit der Kosten für den Sendebetrieb gibt“. Der Einsatz von MPEG-4 lohne sich schon aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht, so ein Sprecher zu dem RTL-Projekt. Die Abdeckung für die Programmfamilie über Sat und Kabel sei im Raum Stuttgart ausgezeichnet. Der neue Standard sorge zudem für Verwirrung beim Zuschauer. Die Kombination von MPEG-4 und DVB-T sei überdies ein unnötiger Zwischenschritt auf dem Weg zu DVB-T2. Kritik gab es auch von der Deutschen TV-Plattform. Der Verband, in dem Programmveranstalter, einige Landesmedienanstalten und Netzbetreiber mitarbeiten, hatte die DVB-T Einführung ab 2002 begleitet. Nun sah man sich dort übergangen.

Ein Umstieg auf MPEG-4 - und der dadurch notwendige Geräte-Neukauf - macht aber auch keinen Sinn, um mehr Programme in einem Kanal zu übertragen und die DVB-T Kosten zu reduzieren. ARD und ZDF bräuchten dann für ihre in der Regel zwölf DVB-T Programme nur zwei statt aktuell drei Kanäle. Um dieses Ziel zu erreichen reicht, wie beim Berliner Kanal 39, die 64QAM-Modulation aus, die alle DVB-T Geräte beherrschen sollten. Daher macht MPEG-4 in Verbindung mit DVB-T auch vor diesem Hintergrund keinen Sinn. Erst im nächsten Schritt, der HDTV-Einführung mit DVB-T2 hat das Coding mit MPEG-4 eine Zukunft in Deutschland. auf HDTV sein. Da war die Antenne in Deutschland bisher außerhalb der Diskussion, während in Frankreich seit einiger Zeit Versuche laufen und England HDTV (MPEG-4 mit DVB-T2) Ende 2009 einführte.

Am 30. April 2012 wird die analoge Sat-Verbreitung deutschsprachiger TV-Programme beendet. Die dadurch gesparten Verbreitungskosten könnten in weitere HDTV-Satkanäle bzw. die technische Weiterentwicklung des Antennenfernsehens investiert werden. Dass HDTV, vielleicht kombiniert mit interaktiven Anwendungen, für die Zukunft der Antenne ein Muss ist - darüber scheint breite Einigkeit zu herrschen. Die in den letzten Jahren angeschafften Geräte, ob Settopboxen, Fernseher oder PC-Zubehör, haben dennoch lange nicht ausgedient. Mit Entscheidungen über die Einführung von DVB-T2 ist nicht vor 2012 zu rechnen und bis zum Beginn der Einführung wird es danach noch längere Zeit dauern.

Eine Grundverschlüsselung, das wurde von ARD und ZDF mehrfach erklärt, wird allerdings von den öffentlich-rechtlichen Anstalten grundsätzlich abgelehnt. Was nicht heißt, dass die Privaten - wie schon mit HD+ via Sat dann auch mit DVB-T2 - eine Grundverschlüsselung und ein (kostenpflichtiges) Zugangsmodell einführen.

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