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Lo(kal)power-Fünfeck für den Privatfunk (1/2)

Überallfernseh-Logo Aus Kostengründen haben die beiden großen privaten Programmfamilien jedes Engagement für DVB-T außerhalb der Ballungsgebiete bisher abgelehnt. Mit dem Paket Viseo+ macht die RTL-Gruppe lediglich in zwei Regionen eine Ausnahme - und lässt sich das von den Zuschauern bezahlen. Einige Landesmedienanstalten hatten jahrelang immer wieder, fast schon verzweifelt gegen diese Haltung argumentiert. Wenn schon die Großen passen: Haben die wenig zahlungskräftigen Lokalprogramme eine Chance ihre Zuschauer auch per DVB-T zu erreichen?

Die Sächsische Landesmedienanstalt SLM brachte Anfang 2007 lokale Lowpower-Sendenetze ins Gespräch. Sie könnten, weil sie genau auf eine Region einstellbar sind, lokalen TV-Veranstaltern einen kostengünstige Tür zu DVB-T öffnen. Ein solches Netz sendet in Leipzig seit dem 17. März 2008 und ging nach gut zwei Testjahren am 10. Mai 2010 in den Regelbetrieb. Ein weiteres Projekt startete am 21. Oktober 2009 für Halle.

Der ursprünglich angedeutete Betriebsbeginn in Leipzig am 1. September 2007 erwies sich als nicht haltbar, nachdem eine Ausschreibung erst im Mai 2007 veröffentlicht wurde. Die Entscheidung über die Bewerbungen fiel im September 2007. Dem als dreijähriges Versuchsprojekt charakterisierten Projekt ging ab Januar 2008 ein technischer Testbetrieb voraus. Weitere Tests mit verschiedenen Sendeparametern laufen bis Ende 2008. Der Regelbetrieb begann am 10. Mai 2010; erstmalig tritt die Mugler AG, die bereits den Versuch ausgestattet hatte, dabei als Netzbetreiber auf.

Projektdaten
  Der Regelbetrieb begann am 10. Mai 2010, nunmehr auf dem Kanal 31 von fünf Standorten im Leip-ziger Stadtgebiet.
  Getestet wurde ab dem 17. März 2008 mit vier TV- und 2 Radioprogrammen von den Standorten auf Kanal 37.
  Etwa 200.000 Haushalte empfangen die Programme nach einem Suchlauf.
  Mit dem Sendenetz wurde erstmals nicht Media & Broadcast, sondern die sächs-ische Firma Mugler AG beauftragt.
  Der Empfang soll - erstmalig in Deutsch-land - durch Abstrah-lung über Drehfeld-Antennen verbessert werden.
  Versorgungskarte.

Alternativer Sendenetzbetreiber

Bisher war T-Systems Media & Broadcast (später: Media Broadcast, verkauft an die TDF-Gruppe, 2016 an die Freenet AG verkauft) einziger Anbieter von Sende-Dienstleistungen für die terrestrische Verbreitung privater Radio- und TV-Programme. Diese Monopolstellung ergibt sich aus der Geschichte: Seit den Urzeiten des Rundfunks galt der Zugriff auf Frequenzen als hoheitliche Aufgabe, zuständig war das Postministerium. Das änderte sich mit der Privatisierung der Telekommunikation. Die Telekom gliederte diese Aufgaben in ihren Bereich T-Systems Media & Broadcast ein. Dieser Konzernbereich „erbte“ natürlich auch die Sendeanlagen, die seit den 1920er Jahren an exponierten Standorten errichtet wurden. Die Sendetürme und Grundstücke blieben allerdings im Eigentum der Telekomtochter Deutsche Funkturm GmbH bzw. der ARD-Anstalten.

Mit der Privatisierung wurden technische Dienstleistungen für die „öffentliche Aufgabe“ der Rundfunkverbreitung der Regelung durch den Markt unterworfen, auf dem T-Systems freilich als Monopolist die Preise bestimmt. Dies verschärft den für die Privaten wichtigen Faktor „Kosten pro erreichten Zuschauer“, der bei der Antennenverbreitung ohnehin schon ungünstig ist. Außerhalb der Ballungsgebiete sahen die großen privaten Programmfamilien für sich kein „wirtschaftlich darstellbares“ Aktionsfeld.

Dagegen wollte die SLM mit einem neuen Konzept angehen und die Verbreitungskosten radikal abspecken. Gelänge das, wäre DVB-T im lokalen Bereich außerhalb der Ballungsgebiete finanziell für private lokale Programmveranstalter attraktiv. Und: T-Systems bekam erstmals Konkurrenz - im Leipziger Fall durch die Mugler AG, Oberlungwitz, also ein Unternehmen aus der Region.

Standortschema Lowpower-Projekt Leipzig Kostengünstige Lowpower-Sendeketten für Lokal-TV

So wurde für das Leipziger Stadtgebiet ein lokales Sendernetz - bestehend aus fünf Lowpower-Anlagen im Gleichwellenbetrieb - konzipiert. Die Anbieter übertragen ihre Programme per Richtfunk zu einem „Sternpunkt“. Dort wird der Programm-Multiplex erzeugt und per Richtfunk an die Sender übermittelt. So können etwa 200.000 Haushalte mit vier TV-Programmen versorgt werden. Ein TV-Programm könne durch 20 Radioprogramme ersetzt werden.

Die SLM will zeigen, „dass solche Stadtnetze betriebswirtschaftlich umsetzbar sind“, so Geschäftsführer Martin Deitenbeck. Er veranschlagt 220.000 Euro pro Jahr für die Nutzung der Sendeanlagen, die sich die Programmanbieter entsprechend der genutzten Datenrate teilen. Damit liege man unter den Kosten einer vergleichbaren analogen Senderkette, die Deitenbeck mit 240.000 Euro kalkuliert. Spätestens ab dem vierten Jahr könne profitabel gearbeitet werden. Das Investment betrage etwa 150.000 Euro pro Standort, zusammen also 750.000 Euro; die Wartungskosten beziffert er mit 80.000 Euro jährlich. T-Systems fordere indessen das Vierfache für die Versorgung mit bisher den bei DVB-T üblichen Hochleistungsanlagen.

Mugler als Entwickler der Netztechnik setzt nicht nur auf Verstärkungseffekte, die sich in den Überlappungsbereichen mehrerer Gleichwellen-Sendeanlagen ergeben können. Interessant ist auch die für den Rundfunk erstmalige Verwendung von Drehfeld-Sendeantennen, die beim Mobilfunk abgeschaut wurden. Sie strahlen die Signale sowohl horizontal als auch vertikal ab. „Beides - die kleinzellige Netzstruktur mit mehreren Sendern und die im Rundfunkbereich neuartigen Drehfeldantennen - erhöhen spürbar die Orts-/Zeitwahrscheinlichkeit für den mobilen Empfang“, so Prof. Dr. Albrecht Mugler, Chef des Dienstleisters. Die Landesmedienanstalt SLM firmierte während der Testühase offziell als Netzbetreiber und verkaufte am 30. April 2010 - wenige Tage vor dem Wechsel in den Regelbetrieb - die Netztechnik zurück die nun als Netzbetreiber auftretende sächsische Firma.

Für lokale Programmveranstalter könnte ein solches Lowpowernetz die Einstiegsschwelle zu DVB-T also erheblich senken. Das ist um so wichtiger, weil am 31. Dezember 2009 der analoge Rundfunk in Sachsen abgeschaltet werden wird. Dem Lokalsender Leipzig Fernsehen hatte die SLM schon während der Fußball-WM 2006 die befristete Verbreitung eines DVB-T-Programms finanziert. Deitenbeck brachte ausserdem neue Mediendienstleistungen, zum Beispiel ein Stadtinformationssystem, ins Gespräch. Er bestätigte auch das Interesse des MDR an der Mitnutzung der Anlage. Jedoch richte sich das Angebot ausschließlich an regionale private Anbieter - der MDR ist also draußen.

Bewerbungen, Lizensierung

Allerdings hatten sich auf die eingangs erwähnte Ausschreibung nur zwei private lokale Anbieter gemeldet: Leipzig Fernsehen und Radio Leipzig (mit drei bis vier Hörfunkprogrammen). Weitere Bewerber waren die nicht regional ausgerichteten TV-Sender BBC World und BibelTV sowie das christliche Radio Horeb. Als Interessenten waren ausserdem die Verkehrsbetriebe, die Messegesellschaft und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur mit einem Stadtinformationskanal genannt worden. SLM-Direktor Deitenbeck kündigte bereits vorab an, dass alle Bewerbungen berücksichtigt werden sollen - obwohl das Einschränkungen bei den Bandbreite mit sich bringe. So wurde dann auch verfahren.

Alle Bewerber bekamen ihre Lizenz auch für den Regelebtrieb. Dieser begann nach einem Wechsel vom Kanal 37 auf K31 am 10. Mai 2010. Wenig später lizensierte die SLM weitere vier Radioprogramme - ein Bouquet mit Spartensenden für Kinder, Teenies, Jugendliche und bis 50jährige.

Nach einigen Schwierigkeiten von Leipzig Fernsehen in 2013 kamen 2016 gravierende Veränderungen auf den Multiplex zu: Zum 1. Juli 2016 warfen das bis dahin von der F.i.S. GmbH veranstaltete Programm und Info TV Leipzig, veranstaltet von der Videowerkstatt, ihre Bandbreiten zusammen. Mit 7 statt 3,5 Mbit/s ausgestattet soll bis zum Herbst 2016 auf HDTV umgestellt werden - codiert in MEPG-4 und weiterhin in DVB-T gesendet. Info TV Leipzig bekam als Veranstalter diese Genehmigung von der Medienanstalt SLM. F.i.S. wird das Programm gestaltet und trägt dazu den Markennamen Leipzig Fernsehen bei. Der Leipziger Lokalkanal wird, wie es scheint, nicht so bald auf DVB-T2 HD umsteigen, aber auch mit der neuen Technik empfangbar bleiben.

Und die Großen? RTL auf einem Sonder-Holzweg

Im Dezember 2006 hatten Vertreter mehrerer Landesmedienanstalten ein Interesse der RTL-Gruppe an weiteren Sendestandorten außerhalb der bisher versorgten Ballungsgebiete verlautbaren lassen. Die Rede war neben Halle/Leipzig von Gütersloh (dem Sitz des RTL-Mutterkonzerns Bertelsmann) und Stuttgart/Mannheim/Heidelberg sowie Nordhessen. Bis heute hat RTL allerdings nicht mehr als ein „Nachdenken“ und Vorgespräche bestätigt, während es aus LMA-Kreisen hieß, RTL habe zumindest für Halle/Leizpig eine Bedarfsanmeldung eingereicht. Im Herbst 2007 wurde zudem spekuliert, dass RTL über den Einsatz von DVB-T2 in Stuttgart nachdenke.

Es kam allerdings ganz anders: RTL bekam für Stuttgart und Halle/Leipzig Lizenzen für ein grundverschlüsseltes Angebot mit MPEG-4 Kompression. Das „doppelte Novum“ startete unter dem Namen Viseo+ am 15. Oktober 2009 in Stuttgart, am 7. Dezember 2009 in Halle. Damit scheint klar, dass die großen Privatprogramme kein Interesse an einer begrenzten lokalen Verbreitung haben. Sie konzentrieren sich weiter auf die Ballungsräume und orientieren für die Perspektive auf ein verschleiertes Pay-Modell. RTL hatte das nicht erfolgreiche Projekt mit dem Ablauf der Sendelizenz Ende 2014 sang- und klanglos aufgegeben.

Mit dem Umstieg auf DVB-T2 wird das Vorhaben aller großen TV-Anbieter Wirklichkeit, ihre HDTV-Programme als „Pay TV light“ und annähernd flächendeckend zu vermarkten.

Weitere Informationen:
DVB-T: Lokal-Programme, Frequenzen, Standorte für Leipzig.
dehnmedia-Meldung: Info TV Leipzig steigt auf HDTV um.
dehnmedia-Meldung: Leipzig Fernsehen in neuer Konstellation.
dehnmedia-Meldung: BLTV-Verband zum Sendestopp von Leipzig Fernsehen.
dehnmedia-Meldung zum Sendestopp von Leipzig Fernsehen.
dehnmedia-Meldung zum Beginn des Regelbetriebs des Leipziger Lokalkanals.
dehnmedia-Meldung zur Regelbetriebs-Lizensierung der Mugler AG für das Leipziger Stadtnetz.
Leipzig-Projektseiten der SLM.
Interview mit Prof. Mugler auf Digitalfernsehen am 7.7.2008.
Broadcast-Seiten der Mugler AG.
Presseinfo der SLM zum Projektstart vom 17.3.2008.
Meldung zum Ergebnis der Ausschreibung vom 14.8.2007.
Ausschreibung der SLM 21.5.2007 und Meldung dazu.
Presseinfo der SLM vom 2. April 2007.
3 Meldungen von Digitalfernsehen am 4. April 2007 (1 - 2 - 3).
Meldungen zum „Lowpower-Fünfeck“ in Leipzig (Februar 2007).
RTL zur Beteiligung in weiteren Regionen bei DVB-T (Dezember 2006).
Hintergrund: Private Abstinenz außerhalb der Ballungsgebiete.

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