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Fernsehen wird irgendwann dreidimensional (1/4)

3D-TV. Foto: Philips/Archiv dehnmedia Seit etwa 2008 geht ein neuer Trend der Fernsehtechnik um: 3DTV - genauer gesagt, das stereoskopische Fernsehen. Was das Kino vorgemacht hat, soll nun auch im Fernsehen geschehen: Bilder mit räumlicher Wirkung sind im Kommen, der Effekt springt förmlich ins Auge.

Zunächst eine Sprachregelung: Die Filmindustrie spricht schon länger von „3D“-Filmen. Gemeint sind hier computererzeugte Animationen oder Trickaufnahmen (3D CGI - computer generated images), die nur einen Raumeindruck in einem konventionellen „2D“-Film vermitteln. Das sind noch keine stereoskopischen Bilder.

Klar zu stellen ist auch, dass sich die Zuschauer in Deutschland noch auf längere Zeit mit den gewohnten „zweidimensionalen“ TV-Bildern zufrieden geben müssen. Stereoskopische Filme wird es (außer im Kino, versteht sich) bis auf Weiteres nur aus der BluRay-Konserve, in Verbindung mit geeigneten Playern und stereoskopiefähigen Fernsehgeräten geben. Für die Produktion von „3D“-BluRays und die Kommunikation zwischen Spieler und TV gibt es Standards. Erste dieser Geräte kommen ab 2010 in Deutschland in den Handel. Für 2010 waren etwa 40 Filme angekündigt.

Bis der 3D-Kinoboom das Fernsehen in seiner Breite erreicht, wird es noch Jahre dauern. Der Vorrat an Programmen ist zu gering, das sieht selbst das Pay-Fernsehen Sky (das seit 2010 einen 3D-Kanal betreibt) so. Diverse Live-Übertragungen - hauptsächlich von Sport-Großereignissen (2011 z.B. wöchentlich ein Spiel der Bundesliga bei Sky) - können nicht über den Mangel an Inhalten hinwegtäuschen. Ebenfalls nicht die von einigen TV-Herstellern implementierte „2d/3D-Konversion.

„3D“ über Antenne?

Bis zur Einführung stereoskopischer Fernsehprogramme - und erst recht für die Antenne - wird es noch einige Zeit dauern. Ein Grund ist der noch lange nicht beendete Umstieg auf HDTV. Denn HDTV ist die Voraussetzung für „3D“-Fernsehen. Allein schon, weil die Programmveranstalter hinter der hochaufgelösten Bildqualität nicht zurückbleiben wollen. Und weil sich HDTV anbietet, um auf entsprechender Bandbreite „doppelte“ Bilder zu übertragen. Schon daher seien alle bisherigen HDTV-Receiver geeignet, „3D“-Signale zumindest zu empfangen. Die Signalverarbeitung geschieht dann in den „3D“-Fernsehern.

Wegen des Zusammenhangs mit HDTV und des Bandbreitenbedarfs ist die terrestrische Verbreitung sicherlich erst im zeitlichen Zusammenhang mit terrestrischem HDTV - also der Einführung von DVB-T2 - zu erwarten. Die Kopplung von HDTV, „3D“ und vielleicht auch interaktiven Angeboten stellt einen interessanten Mehrwert dar, der für die Privaten Ausgangspunkt für attraktive Pay-Angebote auch über Antenne darstellen könnte.
„3D“ über Antenne - Projekte und Piloten (international).

Interessenkonflikt zwischen Pay- und Free TV, Kampf um Lizenzeinnahmen

Ein weiterer Grund dafür, dass die Stereoskopie so bald nicht Fernsehalltag werden wird, ist das Fehlen eines Sendestandards, der das Einbetten der speziellen Stereoskopie-Eigenschaften in ein HDTV-Signal beschreibt. Solche Vorgaben sind für Programmveranstalter wie für die Gerätehersteller wichtig, damit vom Sender bis zum Zuschauer eine durchgehende und einheitliche Signalkette gewährleistet ist.

Dass dessen ungeachtet einige ausländische Sender und Sky Deutschland und Sat1 im März 2010 erstmals Live Fußball-Übertragungen in „3D“ für ausgewählte Gäste durchführten sollte - ebenso wie die gestarteten Demo-Kanäle der Sat-Betreiber Astra und Eutelsat und die Aktivitäten von Sony zur Fußball-WM 2010 - als PR-Aktion betrachtet werden. Auf einem anderen Blatt steht das Vorpreschen von BSkyB; offizieller Start des „3D“-Kanals des britischen Pay-Betreibers ist der 1. Oktober 2010. Canal+ will Weihnachten 2010 auf Sendung gehen, die Sportspartensender ESPN (USA und Eurosport und andere haben ebenfalls konkrete Pläne. Die Sender binden sich dabei in der gegenwärtigen (Mitte 2010) frühen Phase zumeist an einzelne Settopboxen- und TV-Hersteller, deren Geräte auf das jeweilige in „3D“-Angebot zugeschnitten sind.

Da sollen wohl Märkte frühzeitig besetzt werden. Dass die in dieser frühen Phase verkauften Fernseher für ein späteres breites Programmangebot möglicherweise nicht oder nur eingeschränkt verwendungsfähig sein könnten, interessiert die Marktstrategen wohl nicht.

Die Standardisierung wird in Europa vom DVB-Projektbüro seit Ende 2009 betrieben, der Prozess sicher nicht vor 2011 abgeschlossen. Grundlage einer gemeinsamen Lösung der Programmveranstalter, Hersteller usw. sind die vorhandenen „3D“-Optionen für die Verbindung von Settopboxen und Displays der HDMI-Spezifikation. Das entspricht dem Grundsatz, eine Überfrachtung der Geräte durch kaum praktisch eingesetzte Lösungen zu vermeiden, damit die Gerätekosten und ihre Störanfälligkeit zu begrenzen und einen breiten Markt zu erreichen.

Um weitere Chips mit zusätzlichen Lösungen in den Geräten unterzubringen, wird hinter den Kulissen aber offenbar mit harten Bandagen gekämpft. Das nicht etwa, weil eine größere technische Vielfalt den Zuschauern nutzt, sondern um Patente in klingende Münze umzusetzen. Wieder einmal geht es also darum, dass man alle Stereoskopie-Programme mit allen Geräten empfangen kann und proprietäre Lösungen (man erinnere sich an die D-Box) zu verhindern.

Konzepte für die Signalisierung von „3D“-Übertragungen

Im März 2010 zeichneten sich in der Diskussion um den „3D“-Standard zwei Standpunkte ab.
Die Pay-TV-Betreiber wollen einen Austausch ihrer vorhandenen HDTV-Settopboxen verhindern. Dafür müssten sie viel Geld anfassen und gegenüber ihren Kunden in Vorleistung gehen. Die Pay-Fraktion zielt daher auf einen „moderaten“ Softwareupdate, durch den HDTV-Geräte stereoskopiefähig werden. Das vereinfacht auch die Vermarktung: Man kann die Kunden leichter davon überzeugen, die (mit Sicherheit teureren) „3D“-Abos abzuschließen, wenn diese als Zusatzleistung für das vorhandene und gewohnte Gerät vermarktet werden.
Die Veranstalter von Free TV argumentieren mit einem anderen Kostenaspekt: Ein teurer 2D/„3D“-Simulcast kommt für sie überhaupt nicht in Frage. Sie erwarten daher ein Sendeverfahren, durch das 2D-Bilder aus dem gesendeten „3D“-Signal herausgelöst werden können. Eine Rolle dabei spielt, dass offenbar etliche Sender wegen der Kosten zur Zeit keine 3D-Vollprogramme planen, sich aber offen halten wollen, in einem „2D“-Kanal einzelne Programmhighlights zusätzlich in „3D“ anzubieten.
Das wollen vor allem die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ihrer Grundversorgungspflicht und ihrer Kostenverantwortung nur mit solch einem Verfahren nachkommen können. Und die - im Gegensatz zu den Privaten - mit der Stereoskopie keine zusätzlichen Einnahmen generieren können. Als Beispiel werden vor allem die überall knappe Ressourcen von DVB-T genannt. David Wood, Technikdirektor der EBU, kommentiert: „Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir haben; ein solches System würde uns glücklicher machen.“

DVB mit zwei Phasen-Strategie

Diesen Widerspruch löste das DVB-Projekt mit einem 2 Phasen-Konzept für die Standardisierung stereoskopischer HDTV-Übertragungen und das Zusammenwirken mit Fernsehgeräten.

So legte das „Commercial Module“ des DVB-Projekts im Juli 2010 20 Forderungen vor, die die Interessen der Pay-Veranstalter und der Gerätehersteller aufgreifen. Das „Technical Module“ entwickelte daraus einen technischen Standardvorschlag, der im Januar/Februar 2011 auf den Standardisierungs-Weg gebracht wurde.

Das im Januar 2011 verabschiedete Phase 1 System soll die Einsatzfähigkeit vorhandener Empfangsgeräte - wie sie für den 3D-Regelbetrieb bei BSkyB und anderen Pay-Sendern notwendig sind - erhalten, obwohl natürlich ein geeignetes neues Display benötigt wird. Die vorhandenen HDTV-Settopboxen brauchen lediglich einen Software-Update. „3D“-Optionen von HDMI werden für die Verbindung genutzt. Vorausgesetzt wird, dass die „3D“-Displays der ersten Generation für 2D wie Stereoskopie geeignet sind.
Ein Phase 2 System soll ein Sendesignal definieren, bei dem vorhandene 2D-Empfänger (ohne technische Erweiterungen) aus dem gesendeten Stereoskopie-Signal ein Referenzbild herauslösen können. Außerdem will man damit Zuschauern entgegen kommen, die einen gemilderten Raumeffekt bevorzugen oder 3D nicht wahrnehmen können. Erreicht werden kann das mit dem MVC-Codec. Kommerzielle Anforderungen dafür wurden im Oktober 2011 verabschiedet. Die technische Spezifizierung wurde nach Intervention der Phase 1-Nutzer auf nicht vor Ende 2013 verschoben. Zuvor war vom Sommer 2012 die Rede gewesen.

Dass dieser „3D“-Übertragungsstandard offen für weitere Entwicklungen bleiben soll, verschiebt die „3D“-Pläne der Free-TV-Betreiber. Phase 2 könnte zudem für die sicher längere Übergangszeit wichtig sein, in der „2D“- und „3D“-Signal gleichermassen über eine einzige Sendestrecke auf den Schirm gebracht werden müssen. In die Richtung dürften nicht nur langfristige Ideen der deutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten gehen.

So produzierte und verbreitete die BBC, international einer der Stereoskopie-Vorreiter, im Sommer 2012 die Olympischen Spiele in London auch stereoskopisch; etwa die Hälfte der 1,5 Mio. mit entsprechenden Fernsehern ausgestatteten Haushalte sollen die Eröffnungszeremonie in 3D gesehen haben. Aber die Zuschauerzahlen der vereinzelten 3D-Sendungen in England sackten schon bald in den Keller. 4.000 Zuschauer, so BBC-Technikchef Andy Quest im Frühjahr 2013, sind viel zu wenig, um die Kosten eines eigenen 3D-Kanals zu rechtfertigen.

Zu beachten ist sicher auch, dass etwa zehn Prozent der Menschen aufgrund von Fehlsichtigkeit Raumbilder nur eingeschränkt oder überhaupt nicht wahrnehmen können. Um diese Zuschauer nicht auszugrenzen ist eine im „3D“-Signal mitlaufende 2D-Variante absolut notwendig.

Weitere Informationen:
dehnmedia-Meldung: Sky: UltraHD statt Stereoskopie-TV vom 6.10.2016.
dehnmedia-Meldung: Enttäuschung bei der BBC vom 6.4.2013.
dehnmedia-Meldung: 3D-Fernseher - Verkauf in Deutschland vom 3.6.2012.
dehnmedia-Meldung: Phase 2 kommmt nicht vor Ende 2013 vom 14.3.2012.
dehnmedia-Meldung: Canal+ stoppt 3D vom 1.1.2012.
dehnmedia-Meldung zu Phase 2a vom 19.10.2011.
Für technisch Interessierte: Standardvorschlag im Blue Book A154 von DVB vom Februar 2011.
dehnmedia-Meldung zur Weiterleitung des Standardvorschlags an ETSI vom 22.2.2011.
dehnmedia-Meldung zum Abschluß der Standardisierungs-„Phase 1“ bei DVB vom 29.1.2011.
dehnmedia-Meldung zum 20 Punkte-Papier von DVB vom 13.7.2010 / Download Commercial Requirements.
Folien und Aufzeichnung eines Vortrags von David Wood, DVB Commercial Module, zum Status der Standardisierung vom 4.6.2010.
dehnmedia-Meldung zum terrestrischen 3D-Test in Australien vom 25.5.2010.
dehnmedia-Meldung zum Streit um den 3D-Sendestandard vom 14.5.2010.
Meldung von Sat und Kabel zum Astra-Demokanal vom 8.4.2010.
dehnmedia-Meldung zur Standardisierung in zwei Phasen des DVB-Projekts.
dehnmedia-Meldung zur Debatte zwischen Pay- und Free-TV.
ServusTV sendet anaglyphisches „3D“.
Info des DVB-Projektbüros zum Stand der Arbeiten an „3D“-Sendeverfahren.

Weitere 3D-Artikel: Forschung

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Diese Seite wurde zuletzt am 6.10.2016 geändert.
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