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DAB+ - Nichts als Ärger mit dem digitalen Hörfunk?

Digitalradio-Schriftzug ab 6/2015 Kaum war der bundesweite DAB+-Kanal auf Sendung gegangen, da kamen erste Beschwerden über Störungen des Kabelfernsehens. Nach knapp vier Wochen stellte sich noch Ärgeres heraus. Überraschend kurzfristig gelang es aber, einen Weg zu einer Lösung des Problems zu beschreiten: Nach internationalen Absprachen kann der DAB+-„Bundesmux“ bis Februar 2012 bundesweit auf den Kanal 5C wechseln.

Analoger Einsatzdienst-Funk könnte gestört werden ...

Polizei, Feuerwehr und andere Not- und Einsatzdienste machten Nägel mit Köpfen. Anlässlich einer Neonazi-Demo in Dortmund und erwarteten Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten Anfang September 2011 veranlassten sie eine befristete Abschaltung des bundesweiten DAB+-Kanals am Sender Dortmund. Eine weitere Abschaltung im Raum Bonn wurde angekündigt. Dort wird Anfang Oktober 2011 der Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung mit Politikern, Staatsgästen und einem Volksfestes gefeiert. Auch Düsseldorf ist potenziell betroffen.

Die Befürchtung der Einsatzkräfte, ihre u.U. lebensrettende Kommunikation könnte bei „Großlagen“ gestört werden, hat einen realen Hintergrund. In NRW und anderen Bundesländern sendet DAB+ im VHF-Block 5A (Mittenfrequenz 177,5 MHz). Die Polizei funkt in Bonn auf 173,58 MHz und die Feuerwehr auf 173,14 MHz. „Störungen sind bei einem solchen Abstand kaum zu erwarten“, meldet dazu rettungsdienste.de. Aber sicher ist sicher, dennoch könnten die „zum Teil altersschwachen BOS-Handfunkgeräte“ der Einsatzdienste von Störungen betroffen sein.

Deutschlandradio macht die „die unzureichende Filtertechnik bei den herkömmlichen analogen Funksprechgeräten der Polizei“ für das Problem verantwortlich. Die Einsatzkräfte in NRW funken immer noch analog. Für den digitalen Tetra-Funk, mit dem das Problem nicht auftritt, war das Geld bisher nicht vorhanden.

Eine der Konsequenzen: Digitale Funkdienste, wie DAB+, können die Qualität analoger Funkkommunikation - und damit die Betriebssicherheit der Dienste - auf gleicher oder benachbarter Frequenz beeinflussen.

... trotz korrekter technischer Sendeabwicklung

Es „steht außer Frage und wird von der Bundesnetzagentur bestätigt, dass Media Broadcast den Sendebetrieb ordnungsgemäß und unter Einhaltung aller der Lizenzierung zugrunde liegenden Parameter durchführt“, bringt sich der Netzbetreiber des bundesweiten DAB+-Pakets aus der Schußlinie. Betont wird, „dass die Verbreitung des neuen digitalen Radios (...) auf international koordinierten Frequenzen erfolgt, die von der Bundesnetzagentur zugeteilt und genehmigt wurden. Auch der ordnungsgemäße Sendebetrieb unterliegt der laufenden Überwachung durch die Bundesnetzagentur.“

Media Broadcast legt damit den Finger auf die eigentliche Wunde. Ist der Bundesnetzagentur bei der Zuteilung der Frequenzen ein Fehler unterlaufen? Wäre es klüger gewesen, bei den internationalen Frequenzverhandlungen gleich eine bundesweit einheitliche Frequenz für das nationale DAB+-Paket auszuhandeln?

Jetzt gilt es nachzubessern und eine dauerhafte Lösung zu schaffen. Weil Radio nicht warten kann, bis die Digitalisierung des Einsatzfunkes in die Puschen kommt, wäre der Wechsel vom Block 5A auf den Block 5C ein logischer Schritt. Der wird ebenfalls vom Bundespaket benutzt. Würden alle 5A-Blocks umgeschaltet, würde das nationale Paket bundesweit im Gleichwellenbetrieb gefahren. Das sparte den Hörern Einiges beim Bereichswechel (z.B. während einer Autofahrt). Und in den bisherigen Grenzgebieten könnte der Gleichwellengewinn sogar Verbesserungen der Empfangssituation bewirken.

Um das zu erreichen musste die Frequenzaufteilung mit den westlichen Nachbarn verhandelt werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Bundesnetzagentur den Blockwechsel veranlassen kann. Media Broadcast wäre kurzfristig zu einer Umschaltung bereit. „Offen ist, ob uns die Bundesnetzagentur diesen Schritt so schnell ermöglichen kann“, räumt das Unternehmen aber ein - wohl wissend, dass Verhandlungen mit den Nachbarstaaten einige Zeit dauern. Für den Umstieg müssten elf der bislang 27 Sender des bundesweiten DAB+-Netzes umgeschaltet werden. Das kosten den Netzbetreiber Geld. „Wir prüfen Schadensersatzansprüche gegen die Bundesnetzagentur, zumal der Schaden durch die Abschaltungen erhebliche Ausmaße annehmen kann, wenn das Digitalradio in seinem Bestand gefährdet wird.“

Gleichwohl äußerten alle auf der Radioseite von dem Desaster Betroffenen Verständnis für die Priorität der Sicherheitsfunkdienste. Abschaltungen dürfen sich aber keinesfalls wiederholen, forderte Helmut G. Bauer (DRD) für die Privatfunker im Ensemble. Denn es handele sich um einen „Eingriff in die Rundfunkfreiheit“, der „nicht hinnehmbar“ sei. Chris Weck, Technikchef des D-Radio, äußerte Unverständnis, dass trotz vorheriger Verträglichkeitstests „der Polizeifunk mit den alten Geräten nicht vorbereitet ist“. Für seinen Chef, Intendant Willi Steul, stellt „sich die Frage, ob dies nicht bereits ein Eingriff in die Rundfunkfreiheit ist“.

Für Radiohörer mag da allenfalls tröstlich sein, dass Polizei etc. nicht in allen Bundesländern analog und wenn, dann in weiter vom Radioblock 5A (der nur im Westen Deutschlands genutzt wird) entfernten Frequenzen, funken. Wo DAB+ den Block 5C nutzt, dürfte das Problem nicht auftreten.

Schnelle Lösung: Umstieg auf Kanal 5C begann in NRW

Überraschend schnell gelang es, das Problem im Sinne der vorstehenden Lösung in den Griff zu bekommen. Noch im September 2011 konnte mit den niederländischen Lizenzinhabern des Kanals 5C eine Lösung für die Frequenznutzung in Deutschland erreicht werden. Bis Ende September 2011 erfolgte der Wechsel der fünf Sender für NRW vom Kanal 5A auf Kanal 5C.

Zugleich wurden Absprachen mit der Schweiz in gleicher Angelegenheit getroffen. Verhandelt werden musste im Herbst 2011 noch mit Belgien und Frankreich, um den Kanalwechsel im restlichen Südwesten zu ermöglichen. Offenkundig waren diese Verhandlungen erfolgreich, so dass der Umstieg der 5A-Sender in Baden-Württemberg, im Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen Ende Februar/Anfang März 2012 durchgeführt wurde. Der im Kanal 12A arbeitende Sender Daun/Eifel soll später folgen.

Seither wird das nationale DAB+-Paket bundesweit einheitlich im Gleichwellenbetrieb auf dem Kanal 5C verbreitet. Das ist nicht nur für Autofahrer hilfreich, denen der Suchlauf beim Wechsel der Versorungsgebiete erspart bleibt. Der bundesweite Gleichwellenbetrieb setzt Reserven in Randgebieten der Versorgungsbereiche frei und optimiert auch die Ausstrahlungskosten.

Kabelfernseh-Ärger: Größtenteils harmlos

Auch für Störungen des Kabelfernsehens gilt: Betroffen sind nur analoge Kabelprogramme auf Kanälen, die das DAB+-Radio terrestrisch nutzt. Also: Höchste Zeit, auch das Kabelfernsehen endlich nur noch digital zu betreiben - wodurch das Problem von selbst verschwinden würde. Solange das aber nicht der Fall ist, sollte zunächst nach Macken in der Kabelanlage gesucht werden. Die kreist die Bundesnetzagentur so ein:
Hervorgerufen werden die Störaussendungen insbesondere durch Beschädigungen des Schirmmantels durch Nägel bzw. scharfe Knickstellen, Einsatz von Geräteanschlusskabeln minderer Qualität, die Verwendung beschädigter Stecker oder Verteilanlagen älteren Datums (sog. Altanlagen).
Abhilfe dürfte zumeist eine bessere, so die Bundesnetzagentur fachmännisch, „elektromagnetische Entkopplung“ schaffen - das heißt, eines der im Fachhandel angebotenen mindestens „doppelt geschirmten Antennenkabel“ zwischen Kabeldose und Fernseher. Übrigens bieten einige Kabelnetzbetreiber passende Kabel gratis an. Solche Kabel - mit einer Abschirmung von mindestens 85 dB - sind im Handel z.B. mit Klasse A gekennzeichnet. Als weitere Schwachstellen gelten Verlängerungsbuchsen oder T-Stücke. Auch ältere Hausverteilanlagen (also die Verkabelung zwischen Kabeldosen in den Wohnungen und dem Übergabepunkt im Keller) können Störsignale einfangen.

Im Übrigen sind solche Störungen, wie hier zwischen Radio und Behördenfunk bzw. Kabel-TV, physikalisch bedingt. Und sie sind schon aus den analogen Zeiten bekannt. Damals hat sich niemand dran gestört, dass analogterrestrische TV-Sender in den Kabelempfang auf dem gleichen Kanal einstrahlten. Ins Bewußtsein rückte das technische Problem erst mit der Einführung von DVB-T ab 2002. Seinerzeit starteten einige Kabelbetreiber polemische PR-Attacken gegen die DVB-T Konkurrenz.

Links zum Thema:
dehnmedia-Meldung: Media Broadcast zum Kanalwechsel vom 21.2.2012.
dehnmedia-Meldung: Umstiegstermine vom 16.2.2012.
dehnmedia-Meldung: Umstieg auf Kanal 5C bis Ende Februar 2012 vom 13.1.2012.
dehnmedia-Meldung: Stuttgart wechselt auf K 5C vom 28.11.2011.
dehnmedia-Meldung: Interview Thomas Wächter (Media Broadcast) vom 30.9.2011.
dehnmedia-Meldung zu einer Lösung für den Südwesten vom 28.9.2011.
dehnmedia-Meldung zur Frequenzumschaltung in NRW vom 27.9.2011.
dehnmedia-Meldungen zur geplanten Abschaltung in Bonn vom 15.9., 17.9. und 20.9.
dehnmedia-Meldungen zur Abschaltung in Dortmund vom 1.9., 2.9. und 5.9.
Ratgeber der Verbraucherzentralen, der NRW-Medienanstalt LfM und Hintergrundinfos der BNetzA.



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Diese Seite wurde zuletzt am 2.11.2016 geändert.
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