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DAB+ - Broadcast oder Mobilfunk fürs Radio? (1/2)

DABplus-Logo Schriftzug Ein gern gebrauchtes Argument - vor allem der großen privaten Radioanbieter in Deutschland - gegen Digitalradio mit DAB+ ist die Allgegenwart des Internets und dessen Nutzen für die Radioverbreitung. Radio über das Internet sei, auch mobil mit dem Handy, überall und jederzeit empfangbar, heißt es. Studien aus Schweden und Bayern zeigen im März 2014, dass das billiger gesagt als getan ist.

Das White Paper „Können die Mobilfunknetze die Ausstrahlung der Rundfunkprogramme bewältigen?“ des schwedischen Netzbetreibers Teracom stellt beide Verbreitungsformen einander gegenüber. Dass sich die dortigen Erkenntnisse im Grundsatz auch auf Deutschland anwenden lassen, unterstreicht eine Studie der TU München.

Broadcast vs. Mobilfunk aus schwedischer Sicht

Ausgangspunkt des White Papers ist das von Nordicom erhobene schwedische Medienbarometer 2012. Kernpunkt ist, dass das Radio dort täglich 125 Minuten genutzt wird. Nur 3 Prozent der Hörer nutzen dafür Computer oder Smartphone statt des Radiogeräts.

Eine der Gemeinsamkeiten beider Länder ist die Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu einer annähernden Vollversorgung - in Schweden sind 99,8 Prozent der Haushalte gesetzlich vorgegeben. Geschehe das für alle Programme über Mobilnetze, müssten zusätzliche Datenströme von 193.000 Terabyte pro Jahr bewältigt werden. Das ist mehr, als 2012 in Schweden überhaupt über den Mobilfunk transportiert wurde.

Hohe Kosten für Ausbau und Betrieb der Mobilfunknetze

Die Voraussetzung dafür ist der Ausbau der kleinzelligen Mobilfunknetze von 7.000 auf 20.000 Stationen. Das würde laut Teracom „wenigstens 5 Mrd. Kronen (etwa 564 Mio. Euro, dehnmedia) kosten, dies ist mehr als die gesamte Rundfunkbranche umsetzt.“ Ein gleichwertiges Broadcastnetz käme hingegen mit 54 Basis- und 130 Kleinsendern aus und ist wesentlich billiger zu betreiben: „Dies entspräche jährlich 100 bis 200 Mio. Kronen (11,3 bis 22,6 Mio. Euro) für ein DAB+-Netz mit 30 Radiokanälen.“

Zudem müsste zusätzlich in die Ausfallsicherheit und neue Übertragungsstandards investiert werden. Dies könnte theoretisch eMBMS, eine Streaming-Erweiterung für LTE, leisten, die zur Zeit aber nirgendwo im praktischen Einsatz ist - und bei der geforderten Abdeckung finanziell nicht effektiv wäre.

Auf Seiten der Programmanbieter wären Verträge mit den vier schwedischen Mobilfunkanbietern notwendig, wo bisher mit einem Netzträger kooperiert wurde.

Schweden lehnen Zusatzgebühren ab

Finanzierbar wären Investitionen und Betriebskosten letztlich nur über zusätzliche Gebühren. Hörerhaushalte müssten zudem Mobilfunk-Verträge für mindestens ein (wenn nicht gar jedes) Empfangsgerät je Haushalt (und möglicherweise aufgrund unterschiedlicher Angebotskombinationen mit mehreren Anbietern?, dehnmedia) eingehen. Eine vierköpfige Familie würde das laut Teracom monatlich zusätzlich 22 Euro kosten. Jedoch sind allenfalls drei Prozent der befragten schwedischen Hörer bereit, das zu bezahlen.

Desweiteren stellt die Studie die hohe Ausfallsicherheit von Broadcast-Sendern gegen Erfahrungen vom Herbst 2013: Damals brachen während des Sturms Simone die Mobilfunknetze in weiten Teilen des Landes zusammen. Weiter gedacht wäre in einer Gefahrensituation ein Großteil der Bevölkerung von den per Radio verbreiteten Meldungen des Katastrophenschutzes und der Notdienste abgeschnitten.

Hinzu kommt die Frage der Netzüberlastung bei starker Beanspruchung. Denn im Gegensatz zum nutzerunabhängigen Broadcast-Prinzip von DAB+ teilen sich die aktiven Mobilfunknutzer die Datenrate, die in der Funkzelle verfügbar ist, in der ihr Empfangsgerät eingeloggt ist.

Fazit Schweden: Radio in Mobilfunknetzen ist unrealistisch

Die Untersuchung zieht zur Frage der Radioverbreitung über Mobilfunknetze folgende Bilanz: „Die Schlussfolgerung ist, dass dies keine realistische Alternative darstellt. Die wichtigsten Gründe sind die Kosten, es gibt allerdings weitere gute Argumente, die gegen eine derartige Lösung sprechen.“

Für Schweden (2022) und Norwegen (2017 bis 2019) gibt es bereits konkrete Festlegungen für die Abschaltung der analogen UKW-Radioübertragungen. Das wird z.B. in Norwegen von den Verkaufszahlen für Radios gestützt. Dort waren 80 Prozent der 2013 verkauften 220.000 Radiogeräte für den Empfang von Digitalradio geeignet. Die Haushaltsausstattung erreichte zeitgleich 39 Prozent.
(Für die Übersetzung von Teilen des White Papers aus dem Schwedischen danke ich Jürgen Heinrich).

Broadcast vs. Mobilfunk aus bayerischer Sicht

Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Urfassung dieser Seite zum Teracom-Papier wurde eine Studie zum gleichen Thema mit Bayern-Bezug bekannt. Denkt man deren Ergebnisse für ganz Deutschland weiter, ergeben sich dramatische Unterschiede der Kosten beider Übertragungssysteme.

Die Bayern-Studie „Broadcast oder Broadband? Zur Zukunft der terrestrischen Radioversorgung“ der TU München geht im Erhebungsjahr 2013 davon aus, dass im Freistaat 827.000 DAB+-Radios im Einsatz sind, davon 278.000 in Autos. Damit werden etwa 7,5 Prozent der Bevölkerung über DAB+ erreicht.

Datenvolumen für künftiges Radio in Bayern so hoch wie heute für ganz Deutschland

Die Studie konzentriert sich auf die Kosten der Bereitstellung von Programmen und lässt die Investitionskosten außen vor. Danach müssten allein in Bayern für den Transport von nur 25 Prozent der Radiosendungen jährlich zusätzlich 133.231 Terabyte Daten über den Mobilfunk gesendet werden. Ein Vergleich macht die Dimensionen deutlich: Derzeit werden in ganz Deutschland jährlich insgesamt etwa 140.000 Terabyte mobile Webdaten transportiert. Die Übertragung der erforderlichen Datenmasse würde nach aktuellen LTE-Preisen jährlich 617,7 Mio. Euro, per eMBMS (mit 4.700 Stationen je Netzanbieter, für alle drei Netze also 14.100 Anlagen) etwa 552,4 Mio. Euro kosten.

Um eine angemessene Versorgung zu erreichen, müsste erheblich in die Mobilfunknetze investiert werden: In ganz Deutschland lag die Abdeckung mit LTE im 1. Quartal 2013 bei der Telekom bei nur 45 Prozent, bei Vodafone bei 63 Prozent. „Erhebliche Teile des Bundesgebiets sind von der LTE-Technologie abgeschnitten.“

Jedoch sind weder der Betrieb noch die Investitionen finanzierbar, denn die Zuhörer sind nicht gewohnt, „für den Radiokonsum mehr als den Rundfunkbeitrag zu bezahlen. Daher würden diese zusätzlichen Kosten nur sehr schwer vermittelbar sein.“

Fazit Bayern: DAB+ mit deutlich besserer Wirtschaftlichkeit

Wie in Schweden stellt DAB+ auch in Bayern seine extreme Wirtschaftlichkeit gegenüber dem Mobilfunk heraus. Die Verbreitung von 24 landesweiten Programmen in zwei Multiplexen würde nach weiterem Ausbau der Infrastruktur nur 15,5 Mio. Euro kosten. Dabei wird von 112 Sendeanlagen für die Blocks 11D und 12D ausgegangen. Eine Kalkulation für 36 landesweite und 12 lokale Programme ergibt 24,6 Mio. Euro. „Damit ergibt sich ein klarer Kostenvorteil für DAB+. Die Kosten bei einer Übertragung über LTE liegen um etwa 40 Mal höher als die Kosten bei einer Übertragung über DAB+.“

Die Bayern-Studie kommt daher zu folgendem Schluß, der den Ergebnissen des schwedischen White Papers inhaltlich entspricht: „Das vorliegende Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass ein weiterer Ausbau von DAB+ hin zu einer flächendeckenden Versorgung der ökonomisch sinnvolle und einzig gangbare Weg ist, um auf absehbare Zeit eine nahezu vollständige terrestrische Versorgung mit digitalem Radioempfang in Bayern zu ermöglichen. Der Radioempfang über LTE wird zwar an Bedeutung gewinnen, kann aber wegen der hohen Ausbau- und Übertragungskosten auf absehbare Zeit keinen ausreichenden Beitrag zu einer flächendeckenden Versorgung Bayerns leisten.“

Fazit: Schweden und Bayern

Beide Studien zeigen eindringlich die Vorteile der Broadcast-Technik DAB+ gegenüber den aktuellen Datenverfahren des Mobilfunks - aus technischer und erst recht aus finanzieller Sicht. Beide Studien berücksichtigen nicht, dass die Videonutzung als eigentlicher Antreiber für die Frequenzauslastung und den Kapazitätshunger des Mobilfunks angesehen wird. Die Ergebnisse dürften im Prinzip auch auf das digitale Fernsehen übertragbar sein - dort aber möglicherweise wegen des weitaus höheren Datenbedarfs von Videos noch drastischer ausfallen. Selbst wenn berücksichtigt wird, dass es beim Bewegtbild nicht um den Transport kompletter Programme, sondern im Wesentlichen „nur“ um Video-Abrufdienste (allerdings in stark steigendem Umfang) geht.

Übrigens sehen selbst Mobilfunkbetreiber digitales Radio, mittels eMBMS in LTE-Mobilfunknetzen transportiert, nicht unbedingt euphorisch. Helge Lüders (Manager Radio Network Strategy, Telefónica/O2) ist der Auffassung, dass eine Einspeisungsbühr für den Netzaufbau für Radioveranstalter zu teuer wäre.

Nachsatz (1): Unzureichende Kapazitäten des Mobilfunks

Untermauert werden diese Erkenntnisse durch eine weitere Veröffentlichung: Die Zeitschrift connect schreibt im September 2014 über die Radioverbreitung im mobilen Web: „Würden die UKW-Sender heute abgeschaltet und komplett durch Webradio über mobiles Internet ersetzt, müsste die heutige 4G/3G-Infrastruktur eine zusätzliche Datenmenge in der Größenordnung von 250 Millionen Gigabyte bereitstellen. Das wäre fast so viel, wie die Netze im vergangenen Jahr (2013, dehnmedia) insgesamt durchgeschleust haben – nämlich 267 Millionen GB.“

Nachsatz (2): Der Eurochip und der Mobilfunk

Ein Gegenmodell zur Radioverbreitung mit den Verfahren des Mobilfunks stellt die Eurochip-Initiative der EBU zur Verfügung. Ein kleiner zusätzlicher Chip würde den digitalen (DAB/DAB+/DMB) und analogen Radioempfang (UKW) in Smartphones, Tablets usw. und natürlich in Auto-, tragbaren und Heimradios zu vergleichsweise geringen Materialkosten gewährleisten. Was den mobilen Zuhörern das Radio ohne Extragerät ins Ohr bringt hat aus Sicht der Mobilfunkbetreiber aber einen Haken: Sie würden zwar einen weiteren attraktiven Dienst mit dem gebundelten Gerät mitliefern, verdienten aber selbst nichts daran. Damit würden sie ihre eigenen Netze quasi „torpedieren“, durch die sie in der Hoffnung auf maximal genutzte Übertragungskapazitäten die eigenen Kassen klingeln hören wollen.

Nachsatz (3): eMBMS in München im Test

Der Abkömmling des LTE-Datenfunks evolved Multimedia Broadcast/Multicast Service (eMBMS) soll - erstmals für den Mobilfunk - großflächige Netze ermöglichen, in denen große Datenmengen Point-to-Multipoint (also dem Broadcast-Prinzip entsprechende) verbreitet werden können. In den genannten Studien war eMBMS außen vor geblieben, weil es bislang dazu keinerlei praktische Erkenntnisse gab. Seit Juli 2014 wird eMBMS im Raum München im Zuge des Projektes IMB5 getestet. Dafür wurde ein Gleichwellennetz im 700 MHz-Band an vier Standorten des Bayerischen Rundfunks eingerichtet, das 200 Quadratkilometer versorgen soll.

Nokia Networks, beteiligt am Projekt, preist eMBMS schon bei Testbeginn als Nachfolgekandidaten für DVB-T an. Frei empfangbares wie Pay-TV sei möglich und Nokia verspricht den Mobilfunkanbietern neue Umsatzquellen. Dies könnte geschehen, in dem - wie im Kabel - selbst für die eigentlich zusatzgebührenfreien Programme von ARD und ZDF „Transportkosten“ erhoben werden; Privatprogramme könnten dann zusätzlich Geld kosten. Einen Regelbetrieb erwartet das Institut für Rundfunktechnik aber nicht vor 2025.
Hintergrund: IMB5-Projekt.

Nachsatz (4): Eine Beispielrechnung

Anlässlich des Beginns der UKW-Abschaltung im Januar 2017 lässt radioszene.de seinen Kolumnenautor James Cridland UKW und Streaming im Vergleich rechnen. Das Beispiel geht von einem Programm aus, dass per UKW bis zu 2,5 Mio. - in der Primetime 43.000 - Hörer erreicht. Der Sendenetzer berechnet dafür 6.000 Dollars im Monat. Die Kosten, ob über UKW oder DAB, sind stabil - unabhängig von der tatsächlichen Hörerzahl.

Für das Streaming sind besagte 43.000 Hörer „eine Riesenmenge“ für gestreamte Radios in den USA. Dort berechnet ein auf Radio-Streaming spezialisierter Technikprovider monatlich 55 Dollars für 100 gleichzeitige Streams (also maximal 100 Hörer). Für 43.000 Hörer würden entsprechend 23.650 Dollars fällig. „Internet-Streaming ist viermal teuer als ein UKW-Sender.“ Noch nicht enthalten sind 65.000 Dollars für das in Anspruch genommene Datenvolumen von 343 Terabyte. Die Hörer müssen mit einem Gigabyte Datenvolumen für 32 Stunden Radiohören ansetzen, womit viele (von Cridland nicht berücksichtigte) Flatrates verbraucht wären. Sobald auf der Hörerseite die Flatrates verbraucaht sind, wird man fürs Radiohören zur Kasse gebeten - von den Netzdienstleistern. Die Radiomacher haben überhaupt nichts davon.

Cridland bringt es auf den Punkt:
„Auch wenn die Leute gezwungen sind, ihre Radio-Empfänger auszutauschen, wechseln sie nicht plötzlich zu Streaming, sondern bleiben dem klassischen Rundfunk treu. Warum auch nicht? Es ist kostenlos, zuverlässig – und es funktioniert.
Internet-Übertragung ist toll – und ist definitiv Teil der Zukunft des Radios. Aber es ist kein Ersatz für terrestrische Übertragung und kann dies auch nicht sein. Jedenfalls noch nicht.“
Quelle: Beitrag bei radioszene.de am 11. Januar 2017.

Links zum Thema:
dehnmedia-Meldung zur Telefonica/O2 (6.3.2016).
dehnmedia-Meldung zur Vergleichstudie der DLM (27.10.2015).
Hintergrund: Das LTE/eMBMS-Projekt IMB5.
connect-Artikel DAB+ im Test (18.9.2014).
dehnmedia-Meldungen zu Presseinfos von Nokia (29.7.2014), des IRT (8.7.2014) sowie vom 2.8.2014 zum Projekt IMB5.
Hintergrund: „Auferstehung des Mobil-Fernsehens?“ zum IMB5-Projekt.
Bayern-Studie im Wortlaut.
Teracom-White Paper.
DAB+ in Schweden.
Hintergrund: Euro Chip-Initiative der EBU.
dehnmedia-Meldung zu beiden Studien (3/2014).
dehnmedia-Meldung zum Geräteverkauf in Norwegen (2/2014).
dehnmedia-Meldung zur Umstellung in Schweden (8/2013).

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Diese Seite wurde zuletzt am 11.01.2017 geändert.
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