Home DVB-T2 Digitalradio Empfang Geräte Archiv Allgemein Aktuell
Digitalradio: Regional, lokal - was geht (nicht)? (4/5)

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 In Niedersachsen senden vier landesweite, sechs regionale bzw. lokale Radios sowie 13 Bürgerradios. Die Landesmedienanstalt NLM startete 2015 einen bis Ende Oktober 2017 angelegten DAB+-Modellversuch zur Technik für Lokalisierungen. Das für die wissenschaftliche Leitung zuständige Institut für Nachrichtentechnik der TU Braunschweig meldete positive Ergebnisse.

„Ziel ist es, innovative Technologien zu erforschen, mit denen die beim UKW-Radio übliche Lokalisierungspraxis (z. B. für Nachrichten- und Werbefenster) in den digitalen Rundfunk DAB+ überführt werden kann“, teilte die NLM seinerzeit mit. Hier soll die Technik an „die durch das Niedersächsische Mediengesetz (NMedienG) ermöglichte Lokalisierungspraxis“ angepasst werden.

Hintergrund ist der wahrscheinlich einzige Vorteil kleinflächiger UKW-Sendenetze, den die Radiounternehmen kräftig ausnutzen: Man kann auch in großflächig oder gar landesweit agierenden Programmen lokale Werbung und redaktionelle Inhalte einbauen, indem die einzelnen lokalen Frequenzen zeitweise unterschiedlich bespielt werden. Für die Radioveranstalter ist lokalisierte Werbung ein Muss. Das Versuchsziel in Niedersachsen ist dementsprechend die Übertragung dieses Prinzips auf DAB+-Gleichwellennetze.

Zwischenergebnisse zur Halbzeit des Projektes

Der erste Teil des Projektes befasste sich wesentlich mit theoretischen Fragen. Für das Projekt wurden folgende Ansätze diskutiert:
Ansatz SFN-
konform
Empfänger
kompatibel
Bemerkung

Kapazitäts-Zukauf ja ja Bei dieser parallelen Aussendung der Lokalprogramme im gesamten SFN steigt der Kapazitätsbedarf linear mit der Anzahl der Programme.
Das ist bei einer großne Zahl von Lokalradios problematisch.
Kapazitäts-Aufteilung ja teilweise Hier wird die Bandbreite zeitweise auf mehrere Programme verteilt. Dadurch wird die Audioqualität reduziert.
Auch das ist bei einer großne Zahl von Lokalradios problematisch.
Seitenkanal UKW/DRM ja nein Die Aussendung der Lokalprogramme über UKW/DRM erfordert eine permanente Frequenzbelegung bei UKW/DRM. Geeignete Mehrstandard-Geräte sind notwendig. die am Markt nicht verfügbar sind.
Hierarchische Modulation nein nein Bei dem von DVB-T her bekannten Verfahren werden Lokalprogramme über die senderseitigen Codetables unterschieden. Dafür braucht es komplexe Technik auf der Empfangsseite; Interferenzen zwischen verschiedenen Gebieten sind möglich.
Orthogonale Träger ja nein Auch diese Idee wurde für das Fernsehen entwickelt. Die Verbreitung von Programmen in mehreren Teilmultiplexen (auf unterscheidlichen OFDM-Trägern) reduziert die Kapazität eines Multiplexes.
Schutzbänder ja nein Für die Nutzbarmachung der Frequenzschutzbänder wäre eine präzise Abstimmung aller Sender erforderlich.
Lokale Überspielungen ... nein ja ... mit Phasenangleichung bringen eine Interferenzzone zwischen lokalen Empfangsgebieten mit sich. Außerdem ist eine Synchronisation bei der Wieder-Zusammenschaltung problematisch.

Quelle: Abschlußbericht des Modellprojektes.

Die Umsetzung des letztgenannten Ansatzes wurde mittels eines Simulations-Verfahrens durchgespielt. Interferenzen wurden vor allem festgestellt, wenn die von zwei Sendeanlagen ausgehenden Leistungen ähnliche Werte erreichten. Anpassungen der Sendeleistungen ermöglichten den sauberen Empfang der Lokalsendungen in den gewünschten Regionen und einen durchgehenden Empfang überregionaler Programme. Für die Unterdrückung von Störungen nach einer Rückschaltung aus dem Lokalbetrieb konnten technische Werkzeuge simuliert werden.

Ende 2016 wurde ein Halbzeit-Zwischenbericht veröffentlicht. Dort heißt es u.a.
Nach bisherigen Kenntnissen erlaubt die gefundene Lösung die weitere Verwendung sowohl von heute bereits eingesetzten DAB+-Empfangs- als auch -Sendegeräten. Die lokalen Programminhalte sind ebenso wie die im gesamten Gleichwellennetz einheitlich verbreiteten Programminhalte empfangbar. Einschränkungen sind jedoch an den Grenzen der Lokalgebiete zu erwarten.

Feldversuch und Ergebnisse

Im Jahr 2017 folgte der Theorie die Praxis. „Wichtig für uns ist, dass die heute im Markt befindlichen DAB+-Empfänger ohne Einschränkungen weiter verwendet werden können“, stellte NLM-Direktor Andreas Fischer nochmals heraus.

Im Feldversuch wurde sendetechnische Modifikationen praktisch erprobt. Dazu wurden in Braunschweig auf dem Architekten-Hochhaus, dem Haus der Elektrotechcnik und dem Leichtweiß-Institut drei Kleinleistungssender errichtet. Die Standorte sind zwischen einem und 2,2 Kilometern voneinander entfernt. Die Sendetechnik war nach dem Prinzip des Software Defined Radio konzipiert. Im Kanal 9D wurden vier Testsignale mit je 0,05 kW Leistung abgestrahlt. Die einzelnen Programmsignale wurden teils von einem, teils von mehreren Standorten aus gesendet.

Der Abschlußbericht fasst die Ergebnisse wie folgt zusammen:
1. Die Auseinanderschaltung von DAB+-Gleichwellennetzen zum Zweck der lokalen Verbreitung von Programminhalten ist grundsätzlich möglich.
2. Empfänger, die bereits heute kommerziell zum Einsatz kommen, sind auch weiterhin uneingeschränkt zu verwenden.
3. Alle globalen Signale mit im gesamten Versorgungsgebiet des Gleichwellennetzes identischen Programminhalten werden durch die Auseinanderschaltung in keiner Weise beeinflusst.
4. Zwischen den Versorgungsgebieten zweier Signale mit unterschiedlichen, lokal begrenzt ausgesendeten Programminhalten entstehen Interferenzgebiete, die einen unterbrechungsfreien Übergang des Empfangs zwischen den beiden Signalen verhindern.
5. Durch die bei DAB+ angewendete differentielle Modulation kommt es nach dem Übertragen lokaler Programminhalte zu einer Fehlerfortpflanzung bis zum Ende eines DAB+-Transmission-Frames, die durch das Hinzufügen von Phasenreferenzsymbolen (aPRS) verhindert werden kann.
6. Weitere Arbeiten sind notwendig, um a) die Interferenzgebiete quantitativ zu erfassen und b) zu untersuchen, ob sich die neuen Erkenntnisse kommerziell verwerten lassen.

Der Abschlußbericht bezeichnet die in Ziffer 5 genannten zusätzlichen Anteile des Sendesignals als „Die eigentliche Erfindung“. Diese zusätzliche Referenz-Information beanspruche je Lokalprogramm 5,5 Prozent der DAB+-Übertragungskapazität.

Weitere Informationen:
Download: Abschlußbericht vom 31.1.2018.
Download: Zwischenbericht vom 30.11.2016.
dehnmedia-Meldung: Eine Frage des Verbandes? vom 18.5.2018.
dehnmedia-Meldung: Zwischenbericht des Projektes vom 1.9.2016.
dehnmedia-Meldung: Projekt soll lokale Fenster testen vom 13.10.2015.

Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5



Zum Seitenanfang

Impressum | Kontakt | Disclaimer

Diese Seite wurde zuletzt am 8.09.2018 geändert.
Webmaster & Copyright: Peter Dehn (2004-2018) | Programmierung & Gestaltung: Christian Wolff