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Digitalradio: Small Scale DAB+ für Lokalradios (1/3)

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Verschiedene Begriffe, die letztlich Gleiches meinen: Small Scale DAB steht für die digitale Radioverbreitung im kleinen Massstab - zugeschnitten auf die verbreitungsmässigen Bedürfnisse wie auch die finanziellen Grenzen lokaler Radios. Möglich wird das durch Software Defined Radio (SDR) - d.h. kostenlose Software auf Senderseite.

Das technische Konzept basiert auf Software, die von dem kanadischen CRC-Team auf Basis der Programmiersprache Linux entwickelt wurde. Das Schweizer Projekt Open Digital Radio (ODR) setzte diese Arbeiten fort. Die Software-Komponenten für Encodierung, Multiplexing und Modulation unterliegen dem Nonprofit-Prinzip von Open Source - stehen also kostenlos zur Verfügung. Das drückt die Kosten stark und trifft die Interessen der schwierig refinanzierbaren Lokalradios im Kern. Einsetzbar wäre das Konzept unter bestimmten Bedingungen auch als Lückenfüller - zum Beispiel dort, wo Großsender fehlen oder zu teuer wären. Das könnten Inseln wie Sylt, Helgoland, Fehmarn, Rügen oder Usedom sein. Small Scale ist wegen der geringen Kosten und der Justierbarkeit der Versorgungsgebiete aber vor allem für lokale Radiostationen geeignet.

Der Erfolg des technisch wie finanziell interessanten Konzepts in Deutschland hängt freilich davon ab, ob die lokalen Radios das für ihre jeweilige Situation geeignet finden und natürlich auch von der Finanzierung und den Fördermöglichkeiten. Weil die Medienpolitik in Deutschland Sache der Bundesländer ist, könnte es im Zweifelsfall zu 16 unterschiedlichen Lösungen kommen. Unbekannt ist, ob dieses Thema in der DAB+-Roadmap des BMVI enthalten ist. Deren Veröffentlichung wird für spätestens Januar 2017 angekündigt.
DAB+ für Lokalradios - gegensätzliche Positionen in Bayern und NRW.

Auf einen wichtigen Aspekt wies Joachim Lehnert, Leiter der technischen Abteilung der Medienanstalt LMK hin. Die Möglichkeit eines Plattformkonzepts wäre gerade auch für lokale und regionale Versorgungen wünschenswert: Dafür fehle jedoch (womöglich nicht nur) in Rheinland-Pfalz eine Regelung im Landesmediengesetz.

Deutschland (1): Sachsen startet im Herbst 2017 durch

Gut Ding will Weile haben - ein Jahr dauerte es von einem Grundsatzbeschluß der sächsischen Medienanstalt SLM bis zur Ausschreibung eines Pilotprojektes mit Small Scale Sendetechnik für Leipzig und Freiberg. „Die Multiplexe sollen nach Möglichkeit noch in diesem Sommer auf Sendung gehen“, hieß es anlässlich der Ausschreibung Anfang März 2017. Die Medienanstalt meldete mit 13 Bewerbungen für Leipzig und zehn für Freiberg ein überwältigendes Interesse, dass sich sich - nunmehr genannt ab Herbst 2017 - On Air finden wird.
Hintergrund: Small Scale Projekte für Leipzig und Freiberg.

Deutschland (2): Test und Pilot in München (2016 ff.)

Das Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München hat 2016 die ODR-Software mit passender Hardware getestet und die Ergebnisse im November 2016 vorgestellt. Dabei wurden erfolgreich zwei DAB- und drei DAB+-Programme ausgestrahlt. Die vom IRT genutzten Geräte des 100 Watt-Senders haben 10.830 Euro gekostet. Eine vergleichbare Sendeanlage üblicher Bauweise würde laut IRT 60.000 Euro kosten.

Wichtig scheint ein Hinweis von IRT-Mitarbeiter Andreas Sieber zur Auswahl von Standorten: „Die Antennenhöhe ist wirklich entscheidend. Sie können die Anlage nicht auf niedriger Antennenhöhe montieren und einfach nur die Leistung aufdrehen.
Alles im einem Rack: Der Kleinleistungssender des IRT. Foto: IRT
Das bringt nicht allzuviel.“

Die Pilottests werden ab Februar 2017 fortgesetzt. Wieder im Kanal 8A soll die 100 Watt-Sendeanlage im praxisnahen Dauerbetrieb und und im Gleichwellenbetrieb mit anderen (auch üblichen Hochleistungs-) Sendern getestet werden. Gesendet werden zwei Schleifen mit GEMAfreier Musik.

Deutschland (3): Test in Stuttgart (2015)

Die Technik der Eidgenossen kam im Frühjahr 2015 in Stuttgart zum Testeinsatz. Dort ging es um das Konzept „Lowpower, Lowtower“ - d.h. die Versorgung eines Stadtgebietes mit in eher geringer Höhe platzierten Kleinleistungssendern. Der Abschlußbericht fasst die Erkenntnisse zu Stärken und Schwächen zusammen:
Niedrige Senderstandorte in Verbindung mit Sendern geringer Leistung (200 W). bringen im Stadtgebiet im Umkreis von ca. 3 km um den Sender eine ausreichende DAB+-Versorgung in Gebäuden.
Bei der subjektiven Empfangsbeurteilung schneidet der Kleinleistungssender deutlich schlechter ab als die Hochleistungssender. Die Testpersonen bewerteten den Empfang des Kleinleistungssenders an 50 % der Testpunkte schlechter als den der Hochleistungssender – bei gleichem Fehlerschutz (EEP 3-A, r = ½).
Man made Noise führt innerhalb von Gebäude n zu großen Störfeldstärken (bis zu 50 dBµV pro Meter). Ursache hierfür sind vor allem elektronische Kommunikationsgeräte aller Art.
Für eine hohe Orts- und Zeitwahrscheinlichkeit für guten DAB-Empfang in Gebäuden sind sehr hohe Planungsfeldstärken (> 80 dBµV/m) im städtischen Bereich erforderlich. Gründe hierfür sind neben man made Noise die heute üblichen Wärmedämmungsmaßnahmen bei Fenstern und Wänden.
Nach entsprechender Technikplanung könnten solche sendetechnischen Konzepte „verhältnismässig preisgünstig“ realisiert werden. Zu kalkulieren seien aber auch die Kosten für Aufbau und Miete am Standort, Energie und Programmzuführung usw.

Deutschland (4): Rheinland-Pfalz (2014 ff.)

Die rheinland-pfälzische Medienanstalt LMK und die Hochschule Kaiserslautern hatten seit 2008 mehrere Projekte für digitalen Hörfunk und mit den Sendeverfahren DRM+ und DAB+ betrieben. Zuletzt war 2014 daraus ein portablen Kombisender hervorgegangen. Für den DAB+-Teil kam u.a. die Software-Komponenten von ODR zum Einsatz. Gesendet wurde mit 100 Watt im Kanal 12A in Kaiserslautern und 2015/2016 als Eventradio in Karlsruhe.
Digitale Alternativen für den UKW-Hörfunk.

Diese Lösung stelle „eine einfache, aber bezahlbare digitale Sendeinfrastruktur gerade für die lokalen Hörfunkveranstalter und Bürgerradios“ bereit, bewertete die LMK die Ergebnisse der Ausstrahlungen. DRM+ war nach damaliger Einschätzung wohl eher als Ergänzung für lokale Versorgungen mit DAB+ gedacht. Allerdings gab es nur geringe Aussichten auf den Einzug von DRM+-Chips in DAB+-Endgeräte. In Europa räumte man DRM+ nur in Frankreich Chancen ein, aber schon 2014 deutete sich dort das Umschwenken auf DAB+ an.

2016/17 setzen die Medienanstalt LMK und die Hochschule KL ihre Arbeiten mit dem nun ODR2go genannten ODR-basierten Kleinstleistungsender fort. Im Labor wurden Einrichtung, Betriebssicherheit und Performance getestet. Außerdem wurde für die ODR-Software erstmals eine Benutzeroberfläche geschaffen, wodurch die Sendetechnik auch von Programmier-Laien bedient werden kann. Damit sei die Technik aus der „Bastelecke“ herausgekommen. Die Technik ist in zwei Flightcases untergebracht. Laut LMK-Technikchef Joachim Lehnert (Grafik klicken zum Vergrößern. Quelle: LMK/Lehnert) kostete ODR2go als 100 Watt-Sender knapp 13.000 Euro. Würden geringere Ansprüche an Signalgüte und Betriebssicherheit gerichtet, könne die Investition auf 7.000 Euro reduziert werden. Die LMK stellt ihre Sendeanlage für Eventproduktionen zur Verfügung und ermöglicht den Nachbau.

Als erster deutscher Programmveranstalter hatte Domradio Nahe im März 2016 Interesse am ODR-Konzept bekundet. Für einen 50 Watt-Sender im Kanal 12A auf dem Kirchturm von Bretzenheim bei Bad Kreuznach werden etwa 25.000 Euro kalkuliert. Diese vergleichsweise geringe Summe aufzubringen scheint schwierig, da sich bis Ende 2016 noch kein Multiplex-Partner gefunden hatte. Offenbar fans sich aber mit shortwaveservice.com ein an der Sendedienstleistung interessiertes Unternehmen. „Noch im Labor - aber bald regulär On Air“ - versprach der Dienstleister im Mai 2017.

Auch das lokale Jugendradio a.fm aus Alzey hatte sich grundsätzlich interessiert geäußert.

Deutschland (5): Tests im Saarland in Vorbereitung

Anfang 2017 verhandelt die Saar-Medienanstalt SLM über die Beteiligung von Programmveranstaltern an einem Small Scale-Testprojekt im Raum Merzig/Mettlach.

Deutschland (6): Gegen die NRW-Wellenbrecher

Eine Gruppe von neun Radioveranstaltern um TopstarRadio und Antenne Pulheim bringt sich mit dem „Rheinlandmux“ - einem Sendekonzept für Köln und Umgebung - ins Gespräch. Sie stellen sich gegen die 45 kommerziellen Lokalradios in Nordrhein-Westfalen, die von den Zeitungsverlagen kontrolliert werden. Die Landesmedienanstalt und die Landesregierung (auch nach dem Wechsel der Mehrheit von der SPD zur CDU in 2017) lehnen jegliche Veränderungen der Radiolandschaft unterhalb der Landesebene ab.
Hintergrund: Lokalradios in NRW, Homepage: Rheinlandmux.

Weitere Informationen:
Homepage und Wiki von Open Digital Radio.
Homepage der Digris AG.
dehnmedia-Meldung: SLM erteilt Zulassungen für Small Scale Projekte vom 23.6.2017.
dehnmedia-Meldung: SLM bestätigt Andrang auf Small Scale Projekte vom 23.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Noch kein Small Scale Projekt für Thüringen vom 18.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Massenandrang auf sächsische Small Scale Projekte vom 18.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Keine Änderungen nach NRW-Landtagswahl vom 15.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Small Scale-Kanal in Rheinland-Pfalz „bald On Air“? vom 9.5.2017.
dehnmedia-Meldung: LMK forciert Small Scale DAB-Konzept vom 16.3.2017.
dehnmedia-Meldung: IRT startet Smale Scale Pilot in München vom 16.2.2017.
dehnmedia-Meldung: Small Scale als Chance für Privatradios in NRW? vom 3.2.2017.
dehnmedia-Meldung: LMK treibt Small Scale weiter vom 13.1.2017.
dehnmedia-Meldung: Small Scale-Test auch im Saarland? vom 11.1.2017.
dehnmedia-Meldung: Scheitert Domradio-Small Scale an den Finanzen? vom 2.1.2017.
dehnmedia-Meldung: Open Source-Pilot für München geplant vom 22.11.2016.
dehnmedia-Meldung: Erster deutscher Lokalmux in Rheinland-Pfalz? vom 8.10.2015.
dehnmedia-Meldung: Lowpower/Lowtower-Test in Stuttgart vom 28.9.2015.
dehnmedia-Meldung: Testausstrahlungen in Stuttgart vom 4.3.2015.
dehnmedia-Meldung: DRM+: Alternative zu DAB+ und Analog-UKW? vom 20.2.2013.
dehnmedia-Meldung: Feldversuch mit DRM+ über VHF beendet vom 12.4.2009.
dehnmedia-Meldung: DRM+ prinzipiell über UKW möglich vom 16.12.2009.

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