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Hybridtuner schaffen Druck auf Privatradios (1/2)

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Nachdem eine EU-Vorgabe drohte“ kam die deutsche Bundespolitik in Gang: Im Oktober/November 2019 verabschiedeten Bundestag und Bundesrat die 6. Novelle des Telekommunikationsgesetzes (TKG). Diese geht über die Vorgaben der EU hinaus. Letztlich schrieb man aber nur fest, was längste Alltag im Handel ist. Wirksam wird die Hybridtuner-Pflicht am 21. Dezember 2020.

Unter dem Schlagwort der Interoperabilität der Rundfunkempfänger finden sich zwei Erweiterungen des TKG. Absatz 4 übernummt die EU-Vorgabe. Der ebenfalls neue Absatz 5 greift auf, dass die EU weitere Regelungen offen lässt und erweitert das Spektrum der mit hybrider Empfangstechnik auszustattenden Radioprodukte.

Hier zunächst die beiden neuen, die Radiogeräte betreffenden, Absätze des TKG-Paragraphen 48 des TKG im Wortlaut:
Abs. 4 Jedes Autoradio, das in ein neues für die Personenbeförderung ausgelegtes und gebautes Kraftfahrzeug mit mindestens vier Rädern eingebaut wird, muss einen Empfänger nach dem jeweiligen Stand der Technik enthalten, der zumindest den Empfang und die Wiedergabe von Hörfunkdiensten unmittelbar ermöglicht, die über digitalen terrestrischen Rundfunk ausgestrahlt werden. Bei Empfängern, die den harmonisierten Normen oder Teilen davon entsprechen, deren Fundstellen im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht worden sind, wird die Konformität mit der Anforderung in Satz 1, die mit den betreffenden Normen oder Teilen davon übereinstimmt, angenommen.
Abs. 5 Jedes für Verbraucher bestimmte, erstmalig zum Verkauf, zur Miete oder anderweitig auf dem Markt bereitgestellte, überwiegend für den Empfang von Ton-Rundfunk bestimmte Radiogerät, das den Programmnamen anzeigen kann und nicht Absatz 4 unterfällt, muss einen Empfänger enthalten, der zumindest den Empfang und die Wiedergabe digitaler Hörfunkdienste ermöglicht. Davon ausgenommen sind Bausätze für Funkanlagen, Geräte, die Teil einer Funkanlage des Amateurfunkdienstes sind und Geräte, bei denen der Hörfunkempfänger eine reine Nebenfunktion hat.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wirksam wird das Gesetz für die genannten neuwertigen Produkte, die ab dem 21. Dezember 2020 in den Handel kommen bzw. ausgeliefert werden.
Gemäß der EU-Richtlinie 2018/1972 sind Autoradios neuer PKWs, die ab Werk bestellt werden, neben UKW mit einem Tuner für den digital-terrestrischen Empfang auszustatten. Das erfüllt zur Zeit nur DAB+.
Heim- und portable Radiogeräte, die im Display den Namen des eingestellten Senders im Klartext anzeigen, benötigen digitalen Empfang mit DAB+ oder Webradio oder eine Kombination beider mit UKW. Den Sendernamen zeigen im Übrigen die UKW-Radios mit dem Radio Daten System RDS bereits an.
Sollte irgendwann einmal ein 5G-Radiomodus oder eine andere digitalterrestrische Sendetechnik relevant werden, wäre auch das eine potenzielle Ausstattungsmöglichkeit.
Ausdrücklich ausgenommen sind Funk-Produkte, bei denen der Radioempfang nur eine Zusatzfunktion darstellt. Das betrifft zum Beispiel Smartphones.
Keine ausdrückliche „Gnadenfrist“ gibt es für den Abverkauf von Altbeständen durch den Handel. Es ist also davon auszugehen, dass Displayradios, die nur UKW empfangen, am Stichtag aus den Regalen verschwinden.
Das Gesetz gilt ausdrücklich für Neuware. Der Verkauf von Gebrauchtgeräten - privat wie kommerziell - ist möglich.

Die Produktlisten dieser Website geben bereits lange vor der Verabschiedung des Gesetzes im Oktober 2019 einen Eindruck davon, dass ein Großteil der lieferbaren Radios mit Sendernamens-Anzeige ausgestattet und für UKW wie DAB+ geeignet ist. Von daher rennt die TKG-Novelle längst geöffnete Türen ein.

Weil sowohl UKW- als auch Digitaltuner verbaut werden ist zugleich klar, dass kein Verbraucher ab Dezember 2020 auf den UKW-Lieblingssender verzichten muss. Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass die letzte Bastion der analogen Medienverbreitung - das UKW-Radio - kurzfristig abgeschaltet wird. Daher macht die analog-digitale Tunerkombi Sinn, bis UKW verzichtbar wird.

Hybridradios und Programmangebot stimulieren sich gegenseitig

Im Handel wird also allenfalls das Regal mit „UKW-only“-Produkten kürzer. Die Masse des Angebots an Radiogeräten wird sich in Richtung auf die DAB+/UKW-Kombis verschieben. Welchen Einfluß höhere Stückzahlen auf die Verkaufspreise haben werden, ist schwer vorauszusagen. 27 europäische Staaten müssen die EU-Vorgabe für Autoradios kurzfristig umsetzen. Das wird die Stückzahlen hochtreiben, auch wenn ein Aufpreis für den DAB+-Empfang (über den Aufpreis für die Radioanlage hinaus) nicht feststellbar sein wird. Autoradios für die Nachrüstung könnten billiger werden, wenn der Verkauf dieser Produkte ansteigt.

Wie hoch der Preisverfall bei Heim- und portablen Radios ausfällt, hängt ebenfalls von den internationalen Aspekten ab. Denn Radios werden nicht mehr für einzelne Länder entwickelt und produziert. Die Produkte sollen hohe Stückzahlen erreichen, indem sie in ganz Europa vermarktet werden können.

Der ohnehin bestehende Trend zu DAB+ in den großen Märkten Deutschland (22,7 Prozent Haushaltsausstattung Mitte 2019), Frankreich und (Ex-EU Mitglied) England könnte dort die Verkaufszahlen für hybride Radios forcieren. Gleiches gilt für die Schweiz, die UKW bis 2024 abschalten will und für Norwegen, dass diesen Schritt schon getan hat. In Italien gilt die Hybridradio-Pflicht übrigens schon ab dem 1. Januar 2020.

Deutschland wird sicherlich ganz vorne beim Abverkauf mitspielen. Die TKG-Novelle schafft endlich einen Umstiegs-Druck auf die noch abseits stehenden UKW-Radioveranstalter. Das deutete sich schon vor der Verabschiedung im Bundestag an: Ende 2019 sind zahlreiche Aktivitäten angelaufen, um den Einstieg regionaler und lokaler Privatradios auf DAB+ zu ermöglichen. Der Privatmux mit zehn Programmen für das Saarland ist in den Startlöchern. Die Lokalmuxe in Leipzig und Freiberg wechseln vom Versuchs- in den Regelbetrieb. Versuchsbetriebe beginnen in Chemnitz, Lübeck, Kiel und auf Sylt. Für Hamburg wird ein zweiter Multiplex angestrebt. Für Rheinland-Pfalz, NRW und Thüringen werden Ausschreibungen erwartet.

Dem Druck aus dem Gerätemarkt werden sich auch die hartnäckigen DAB+-Verweigerer in Niedersachsen und NRW mittelfristig nicht entziehen können.

Weitere Informationen:
Dokumentation: Gesetzentwurf, Oktober 2019 (download).
Bundesrat beschließt Hybridradio-Pflicht vom 8.11.2019.
Bundestag beschließt Hybridradio-Pflicht vom 20.10.2019.

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