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Zwischenbilanz: DVB-T geht ins fünfte Jahr

Am 1. November 2002 begann in Berlin die Einführung von DVB-T in Deutschland. Wenig später wurden - weltweit erstmalig - analoge Sendeanlagen endgültig ausser Betrieb genommen. Seither gibt es eine ganze Reihe positiver Entwicklungen. Einige Fragen blieben auch Ende 2006 noch unglöst.

Antenne wieder im Aufwind?

Verfügbarkeit

DVB-T in Deutschland. Quelle: www.ueberallfernsehen.de
Zur bundesweiten Empfangsprognose.

DVB-T Regionen

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Sachsen | Thüringen

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Umschaltung auf DVB-T2 HD.

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Der Niedergang des Fernsehempfangs mit der Antenne, ausgelöst durch die milliardenteure Finanzierung der Kabel-Infrastruktur aus Steuergeldern und das Aufkommen der TV-Satelliten, konnte durch die Umstellung auf digitale Technik gestoppt werden. 2002 war von 1,5 bis 1,8 der 3 Millionen TV-Haushalte die Rede gewesen, die von der Umstellung betroffen wären. Heute nutzen - nach längerem Tief - wieder etwa genauso viele Haushalte diesen Empfangsweg. Diese Zahlen betreffen das Erstgerät im Fernseh-Haushalt. Es blebt abzuwarten, ob es sich um einen dauerhaften und ausbaufähigen Trend handelt.

Gegen Jahresende 2006 soll bei der Versorgung die 70 Prozent-Marke erreicht werden. Mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass der Ausbau schon im Jahr 2008 - statt wie ursprünglich geplant in 2010 - erreicht werden wird.

Der Wermutstropfen: Die privaten Programmanbieter beteiligen sich über die Ballungsgebiete hinaus nicht weiter an der DVB-T-Verbreitung. Für sie eine flächendeckende Versorgung per Antenne aufgrund der hohen Kosten und geringen Zuschauerzahlen „nicht wirtschaftlich darstellbar“.

Dennoch macht auch außerhalb der Ballungsräume ein Vorteil DVB-T (wenn auch noch mit öffentlich-rechtlichem Angebot) interessant: Statt drei analoger Programme werden dort mindestens zehn Fernsehprogramme ausgestrahlt. Wo die Privaten mitwirken sind es, regional abhängig, teils mehr als 30.

Breites Gerätesortiment

Ebenso erfreulich: Mit Stand August 2006 wurde gemeldet, dass etwa 3,5 Millionen Settopboxen und 1,5 Millionen weitere DVB-T-Geräte in Deutschland verkauft wurden. In Berlin hatten die Verkäufe die Zahl der Antennenhaushalte frühzeitig um etwa ein Drittel überschritten. Dieser Trend setzte sich fort. 2006 kommen auf jeden Haushalt, der auf digitalterrestrischen Empfang umstellt, statistisch annähernd drei verkaufte Geräte. Das spricht deutlich für einen weiteren Erfolg: Nicht nur die „Erstgeräte-Haushalte“ haben also die Umstellung vollzogen. Das Zweitgerät, ob im Schlaf- oder Kinderzimmer oder auf dem Wochenendgrundstück, wird digital versorgt - und sicher auch in Haushalten mit Satelliten- oder Kabelversorgung des Erstgeräts.

Fünf Millionen verkaufte Geräte - das bedeutet auch eine unerwartete Vielfalt des Sortiments. Von der „nur Settopbox“ über den volldigitalen Videorecorder, von tragbaren Taschenfernsehern bis zum Hightech 70-Zöller können Hersteller und Handel alle Einsatzbereiche bedienen. Die Ausstattung mit DVB-T gehört bei vielen Firmen heute zum Standard. Viele Markenhersteller haben inzwischen die Settopbox zu den Akten gelegt und bieten Fernseher mit integriertem Empfang an.

Auch der Computer wurde zum Digitalfernseher. Die Technik zeigt beispielsweise bei den USB-Sticks, was an Miniaturisierung machbar ist. Auch wenn „Vielfalt“ beim Computerzubehör oft eher die „Einfalt“ von Entwicklung und Produktion und die Vielgestaltigkeit der Etikettierung bedeutet. In diesem Marktsegment (auch bei Minifernsehern) entstand eine (Un)Kultur der Nonames mit hinterfragenswerten Handelsformen. Oft wird eine vergleichsweise geringe Zahl von Geräten in Asien von nicht fachkompetenten Versendern geordert, und - teils gar unter eigenem „Marken“namen - über das Internet verkauft. Beratung und gesicherte Garantieabwicklung kann man da nicht unbedingt erwarten.

Mit der Vergrößerung des Sendegebietes stieg nicht nur der Geräteabsatz. Auch die Preise sind kräftig gesunken. Oder, wenn das nicht der Fall ist, wurde die Ausstattung der Geräte für etwa das gleiche Geld erheblich verbessert.

Neue Fernseh-Technik wird nicht ausgereizt

Mindestens drei Vorteile der digitalen Fernsehtechnik kommen in Deutschland nicht zum Tragen.

So konnte sich die Multimedia Home Platform (MHP) für interaktive Dienste nicht durchsetzen. Nur noch ARD und ZDF bieten mit dieser Technik Zusatzinfos zum Programm in Gestalt eines um Grafiken und Animationen erweiterten und verschönerten Videotextes. An interaktiven Anwendungen fehlt es, weil es dafür keine Marktmodelle (gleich Verdienstmöglichkeiten) gibt. Das ist übrigens in Italien und Österreich nicht viel anders. Die dortigen Verkaufszahlen für MHP-Geräte wurden durch eine Subventionierung des Kaufpreises erreicht, nicht durch die Attraktivität der MHP-Inhalte. Eine Marketingkampagne in Deutschland scheiterte schmählich, schon weil Handel und Hersteller nicht mitzogen. Die bei uns verkauften MHP-Geräte (nicht nur für DVB-T, auch für Satellit und Kabel) sind fast abzählbar.

Weitaus gravierender wirkt das Reizwort VPS, die sendezeitgerechte Videorecorder-Steuerung, bei den Zuschauern. Die wäre über die EPG-Daten problemlos realisierbar. Die Hersteller - hier vertreten durch die Deutsche TV-Plattform - winkten aber von Anfang an ab. Die Software-Entwicklung für den kleinen deutschen Markt und seine nationale Lösung VPS sei zu teuer, das Handling bei der Programmierung externer Aufnahmegeräte im Verein mit einer Settopbox sei zu kompliziert. Und - natürlich - nicht alle Programmanbieter sind an der technisch korrekten Verbreitung der Steuersignale interessiert, die obendrein Geld kostet und keines einbringt.

In einem Punkt steigert sich die Unfähigkeit aller beteiligten Player - von den Programmanbietern über die Hersteller bis zu den Netzbetreibern - in verbraucherfeindliche Dimensionen. Die Bemühungen, den Software-Upgrade auf dem Sendeweg zu ermöglichen, scheiterten schmählich. Lobenswerterweise hatten die Deutsche TV-Plattform und die internationalen Standardisierungsgremien intensiv an einer Lösung gearbeitet. Wie es scheint haben die Preispolitik des ZDF und dessen Hausjuristen eine praktische Umsetzung leider verhindert. Damit wird ein wichtiger und verbraucherfreundlicher Vorteil des digitalen Fernsehens verschenkt. Wer nach Österreich schaut, weiß, dass es auch ganz anders geht.

Versuch eines Ausblicks

Beim Wettrennen um den Digitalumstieg wird DVB-T die anderen Empfangswege deutlich abhängen. Für die Zukunft scheinen sich dennoch drei „Problemzonen“ abzuzeichnen.

Die Privaten gehen den Weg in Richtung Pay-TV. Und zwar nicht nur für neue Spartenprogramme, sondern mittelfristig auch für ihre werbefinanzierten Hauptprogramme. Indiz dafür ist die Debatte um die „Grundverschlüsselung“, die die Privaten auch für DVB-T einführen wollen. DVB-T betreffend stehen dem großflächigen Pay-TV per Antenne noch die Verbreitungsverträge entgegen, die je nach Region zwischen Ende 2007 und 2010 auslaufen. Außerdem gibt es Widerstände in der Politik: Hier wird der Wunsch geäußert, wenigstens einen Verbreitungsweg des Fernsehens für alle Zuschauer und unabhängig vom Einkommen auf Dauer frei empfangbar zu erhalten.

Die technische Entwicklung von DVB-T geht natürlich ebenfalls weiter. Von „DVB-T2“ ist die Rede, worüber eine Diskussion im DVB-Projekt im Frühjahr 2006 eingeleitet wurde. MPEG-4 spielt in Gesprächen mit Insidern immer wieder eine Rolle. Dahinter steht die Idee, mit diesem besseren Kompressionsverfahren die Kapazität eines TV-Kanals annähernd zu verdoppeln, während die Kosten nur vergleichsweise geringer steigen. So könnte man, heißt es beispielsweise aus Landesmedienanstalten, den Privaten günstigere Verbreitungskosten als heute offerieren. Das ist von der Hoffnung getragen, die Pro7's, RTL's usw. doch noch für die flächendeckende Verbreitung ihrer Programme mit DVB-T zu gewinnen.

Die neu gewonnene Übertragungskapazität könnte, heißt es weiter, alternativ für neue Programme oder andere Dienste verwendet werden. Dann kommt die Rede auf das hochauflösende Fernsehen HDTV und DVB-T. Das würde freilich bedeuten, die Zahl der übertragbaren Programme auf bundesweit maximal sieben eindzudampfen. Und, nach meiner Meinung noch schwerwiegender, das würde den Totalausstieg der Privaten bedeuten, die quasi die vierfachen Kosten hätten, ohne sich einer breiten Zielgruppe sicher sein zu können. Oder, ein anderer Ansatz: Damit die Privaten mit digital-terrestrischem HDTV wirtschaftlich sind, müsste das (wenn finanziell überhaupt machbar) Pay-TV sein.

Geht es um terrestrische Sendekapazitäten, kommen immer wieder mobile Dienstleistungen, namentlich das Handy-Fernsehen mit DVB-H, ins Gespräch. In jedem der sieben in Deutschland für DVB-T verfügbaren Sendekanäle könnten mit MEPG-4 bis zu zehn Fernsehprogramme mit DVB-H ausgestrahlt werden - zusätzlich zu den bisherigen vier DVB-T Programmen. DVB-H bekäme damit ein umfangreiches und attraktives Programmangebot. DVB-T Zuschauer müssten natürlich ein entsprechendes Gerät erwerben. Mit dem Beginn der Standardisierung ist nicht vor Ende 2007 zu rechnen. Es wird also noch Jahre bis zur Einführung dauern. Man kann davon ausgehen, dass ein jetzt vorhandenes Gerät im Rahmen der üblichen Nutzungszyklen ersetzt wird, was sicher nicht vor 2010 notwendig ist.

Mit einiger Aufmerksamkeit sollte man als DVB-T-Interessierter auch die Debatten um die Zukunft des digitalen Radios verfolgen. Die zuvor beschriebenen neuen Möglichkeiten von DVB-T2 können natürlich ebenso für die Verbreitung von Digitalradio verwendet werden. Dafür stehen aber auch neue Verfahren für digitales UKW in der Spur. Digital Audio Broadcasting (DAB) scheint sich jedoch, trotz heftiger Gegenwehr der daran interessierten Lobby, aus verschiedenen Gründen langfristig aus der Szene zu verabschieden. Um die wenigen Frequenzen im VHF- und L-Band bemüht sich auch das Handy-Fernsehen DMB - ein Konkurrent, der obendrein quasi aus dem eigenen Haus kommt.

Berlin, im November 2006



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