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DVB-H (nicht) mit Mobile 3.0 (2008) (1/2)

Dreijähriger DVB-H Versuch mit Plattformbetreiber Mobile 3.0 scheitert

Das Bemühen, in Deutschland mobiles Fernsehen am Markt zu etablieren, hat seine Tücken. Im Juni 2008 hatte das Konsortium Mobile 3.0 einen „Testbetrieb“ in wenigen Städten begonnen. Schon im Herbst war es wieder vorbei: Nachdem es kein Anzeichen für einen echten Markteinstieg gab, forderten die Landesmedienanstalten den Plattformbetreiber zur Rückgabe der Lizenz bis Ende Oktober 2008 auf.

Eine richtungsweisende Entscheidung war am 16. Oktober 2007 bekannt gegeben worden: Die Bundesnetzagentur vergab die Lizenz für die technische Plattform der DVB-H-Einführung an Media & Broadcast, zu dem Zeitpunkt noch Teil von T-Systems. Gleichen Tags gab die Gesamtkonferenz der Landesmedienanstalten bekannt, dass sie „in Aussicht“ nimmt, den Betrieb der Content-Plattform an das Gemeinschaftsunternehmen Mobile 3.0 zu vergeben. Eine entsprechende „Empfehlung“ folgte im Januar 2008. Der offiziell für einen dreijährigen Versuch lizensierte Dienst könnte im Juni 2008 - anlässlich der Euro 2008 - starten.

Einheitliche Entscheidung vor 15 Ausschreibungsrunden

Die baden-württembergische Landesmedienanstalt LfK hatte als erste LMA Anfang März 2007 das länderübergreifende Projekt ausgeschrieben. Dieser Schritt erfolgte in Absprache mit den anderen Landesmedienanstalten, um - ähnlich wie zuvor für die Einführung des Handy-Fernsehens mit DMB - die Voraussetzung für ein länderübergreifendes Verfahren zu schaffen. Zuvor waren die Grundlagen in einem „Eckpunkte“-Papier fixiert worden. Dort wurde u.a. deutlich gemacht, das die Pilotphase dazu dienen soll, „ein tragfähiges Gesamtkonzept zu finden“. Dieses soll u.a. die Vielfalt der Inhalte und den diskriminierungsfreien Zugang der Anbieter sichern und wirtschaftlich tragfähig sein. Das Programmangebot soll neben reichweitenstarken Programmen auch die Themen Nachrichten, Musik und Sport abbilden und auf die mobile Nutzung zugeschnitten sein. Einen TV-Platz können die LMAs an regionale Anbieter vergeben.

Zugleich machte die LfK deutlich, dass Maximalpositionen und Einzelinteressen einzelner Unternehmen oder Branchen aus dem gesamten beteiligten Spektrum der Inhalteanbieter, Vermarkter, Sendetechnik usw. hinter einem Gesamtplan zur Einführung zurückstehen müssten.

Wenige Tage später gab die MABB ihre Ausschreibung bekannt. Die MABB meldete für den geplanten bundesweiten Dienst Bedarf für einen Kanal bei der Bundesnetzagentur an. Darüberhinaus soll der in Berlin seit 2005 für DVB-H Pilotprojekte genutzte Kanal 39 weiter für das Handy-TV genutzt werden, um über das bundesweite Angebot hinaus innovative Angebote zu ermöglichen, die dann nur in der Region Berlin/Potsdam ausgestrahlt werden.

Noch im März folgten die Ausschreibungen für alle weitere Bundesländer mit Fristen bis Ende Mai 2007. Ende April 2007 veröffentlichten die Direktoren der LMAs eine Liste von 29 Unternehmen und Programmanbietern, die sich für den Betrieb der Plattform oder die Verbreitung ihrer Programme in den ersten Ausschreibungen beworben haben. Darüberhinaus gebe es Interessenten für eine Programmverbreitung in einzelnen Bundesländern. Im Herbst 2007 sollen die Entscheidungen im Rahmen des zwischen den LMAs „koordinierten Verfahren“ fallen, in dem Mobile 3.0 als Plattformbetreiber „in Aussicht“ genommen wurde und nun eine Programmbelegung vorschlagen soll. Der Sendebetrieb könne im Frühjahr 2008 (rechtzeitig vor der Fussball-WM in Österreich und der Schweiz) beginnen.

Die Liste der 29 Bewerber: n-tv RTL Television
BIG 5 O 2 Germany RTL 2
Contcast, Berlin Premiere Soundtrackfm, Hamburg
Dornier Medien ProSiebenSat.1 Media AG T Mobile Deutschland
Home Shopping Europe Radio 97,1 Megaherz Hamburg Telefonbuchverlag Hans Müller
KG Hamburg 1 Beteiligungs GmbH&Co RCD Regiocast Digital Traumpartner TV
Kommunikation & Wirtschaft GmbH RegioOnlineGmbH UFA Film & Produktion
MediaManagement S.W., Mannheim RTL Disney Fernsehen GmbH UNITCOM GmbH, Berlin
MFD RTL Radio Vodafone D2
NEVA Media RTL Shop Vox

LMAs haken bei Bewerbern nach

Nach einer ersten Anhörungsrunde haben die LMAs alle Plattform-Bewerber aufgefordert, weitere Unterlagen bis zum 10. August 2007 einzureichen. Laut Ingo Nave, stellvertretender Präsident der LfK, seien Kernfragen (Abwicklung des Programmbetriebs, Finanzierung des Sendernetzes) nicht befriedigend beschrieben worden. Bei Pro7Sat1 fehle es gar an der gebotenen Neutralität.

Zeitgleich bestätigte Reinhold Albert, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), dass man an Anfang 2008 als Starttermin festhalte. Rechtzeitig soll ein Konsens zum Geschäftsmodell gefunden werden, bei dem die Interessen von Plattformbetreibern, Mobilfunkern, Programmanbietern und Rundfunknetzbetreibern ausreichend berücksichtigt sind. Ein „schwieriger Verhandlungspunkt“ sei der bekannte Anspruch von ARD und ZDF auf je zwei der insgesamt 16 Programme, die „unverschlüsselt und ohne zusätzliches Entgelt für den Nutzer empfangbar sein sollen“.

Zuschlag nach Nachbesserungen an Mobile 3.0

Am 10. August 2007 haben die bis dahin konkurrierenden Plattform-Bewerber Neva Media und MFD die Gründung einer Gemeinschaftsfirma bekannt gegeben, die die Bewerbung vorantreiben soll. Neva Media-Geschäftsführer Bernd Curanz sieht die neue Allianz als „Bindeglied zwischen den Vertriebspartnern und den Inhalteanbietern. Wir bieten Programme und neue Medienformate und sind offen für alle Vertriebspartner.“

Damit spielt Curanz auf die Konkurrenzbewerbung der drei Mobilfunk-Netzbetreiber T-Mobile, O2 und Vodafone an. Die hätten freilich auch internes Konfliktpotenzial, da sie ansonsten Konkurrenten sind. Die später Mobile 3.0 getaufte Firma will sich um sie wie auch um die Mobilfunkvermarkter bemühen, um das DVB-H Angebot breit zu vertreiben.

Hinter Mobile 3.0 standen anfänglich die Anteilseigner der beiden Trägerfirmen. Neva Media wird wesentlich von den Verlagshäusern Burda und Holtzbrinck getragen, beteiligt ist auch die
Der Berliner IFA-Stand 2005. Foto: dehnmedia.












Auf der IFA 2005 warb der Ber-liner Senat massiv mit DVB-H. Hier: MABB-Direktor Hans Hege und die Neva Media-Gründer Paulus Neef und Bernd Curanz am Messestand ihrer Firma (v.r.n.l.). Foto: dehnmedia.
Medienunternehmerin Christiane zu Salm. Bei der MFD, die seit Mai 2006 den Dienst „Watcha“ betreibt, stieg 2007 die südafrikanische Finanzgruppe Naspers als Hauptanteilseigener neben privaten Investoren ein.

DVB-H könne mit einem Mix aus bekannten TV-Programmen und speziellen Kurzformaten (also ähnlich wie der im Mai 2006 gestartete, jedoch wenig gebuchte DMB-Dienst „
Watcha“ der MFD) zunächst seine Reichweite aufbauen. Ein gutes Zwischenergebnis, das „zügig“ erreicht werden könne, seien 2 Millionen Kunden. Dann gerieten auch aufwändige interaktive Anwendungen und Spiele, die das Fernsehen und den Rückkanal des Mobilfunks verkoppeln, in refinanzierbare Dimensionen.

Sendebeginn zur Fussball-EM im Juni 2008

Nach etlichen Nachbesserungen des Konzepts und Vorlage von Partnerverträgen für Programminhalte hat die Gesamtkonferenz der LMAs Anfang 2008 die Zulassung von Mobile 3.0 für die DVB-H Plattform empfohlen. Darauf begann die Lizensierung durch die Landesmedienanstalten in Sachsen und Niedersachsen. Den Betrieb der sendetechnischen Plattform hatte die Bundesnetzagentur bereits im Oktober 2007 an Media&Broadcast vergeben.

Mobile 3.0 hatte folgende Programme genannt: Unverschlüsselt werden die Hauptprogramme von ARD und ZDF gesendet. Mit RTL, Vox, Sat.1, ProSieben, n-24 und n-tv ist das Privatfernsehen präsent. Den Hörfunk vertreten das Konsortium Digital 5, bigBuddy und KickFM. Die meisten LMAs machten in ihren Beschlüssen zur Lizensierung deutlich, dass sie großen Wert auf weitere Präzisierungen zur Einbeziehung regionaler Programmanbieter legen. Ein entsprechender Antrag liegt in Niedersachsen von RegioOnline vor.

Der Sendebetrieb begann erwartungsgemäß am 1. Juni 2008. Der ursprüngliche Plan konnte jedoch nicht umgesetzt werden: Zunächst sollte alle Hauptstädte des Bundesländer versorgt werden. Jedoch wurde ohnehin damit gerechnet, dass wegen der kurzen Vorbereitungszeit nur in wenigen Inseln gestartet werden würde.

Deutschland im DVB-H Herbst 2008: Handyfernsehen vor dem Aus?

So kam es tatsächlich - aber aus einem anderen Grund. Am 1. Juni wurde nur in Hamburg, München, Frankfurt und Hannover ein Versuchsbetrieb gestartet. Der Zeitplan war obsolet geworden, weil ARD und ZDF sich durch das Konzept von Mobile 3.0 im Nachteil gesehen hatten. Daraufhin blockierten einige Staatskanzleien den Lizensierungsprozess.

Als weit schwerwiegender erwiesen sich zwei andere Fakten, so dass noch im Juni 2008 erstmals vom Scheitern des Vorhabens die Rede war. Nachdem sich schon Ende Juli 2008 gezeigt hatte, dass sich keine Vermarktungspartner gefunden hatten und finden würden, forderten die Landesmedienanstalten Mobile 3.0 im August zur Stellungnahme auf. Ob dies geschah ist nicht bekannt geworden. Alle Mal klar wurde aber, dass Mobile 3.0 nicht in der Lage ist, die fehlenden Vermarktungspartner zu gewinnen. Offensichtlich waren die Mobilfunk-Unternehmen von der Lizensierung an die Konkurrenz dermaßen enttäuscht, dass sie nicht mit Mobile 3.0 zusammenarbeiten wollten. Zupaß kam ihnen dabei das Aufkommen von Handys mit DVB-T Empfang, die sie zeitgleich zum Start von Mobile 3.0 auf den Markt brachten. Das Antennenfernsehen auf dem Handy ohne zusätzliche Gebühren ist für die Kunden natürlich attraktiver als das Pay-TV Modell von Mobile 3.0. Zugleich könnte es den Markt für kostenpflichtige Angebote vorbereiten.

Für die Landesmedienanstalten wiederholte die ZAK im September 2008 die Aufforderung an Mobile 3.0 und setzte einen ultimativen Termin bis zum „Herbst“ 2008. Dabei schwang im Hintergrund die Drohung des Lizenzentzugs mit. Im Oktober 2007 zogen die Landesmedienanstalten endgültig den Schlußstrich und forderten Mobile 3.0 auf, die Plattform-Lizenz zurückzugeben. Geschieht das oder wird die Lizenz entzogen, ist ab Ende 2008/Anfang 2009 mit einer kurzfristigen Neuausschreibung der Plattform ist rechnen.

Die Einführung des Handyfernsehens in Deutschland, neben Finnland einem Pionierland bei der Entwicklung von DVB-H, kann im Herbst 2008 zunächst als gescheitert gelten. Dazu kommt, dass - entsprechend einer Auflage der Landesmedienanstalten - auch der von der an Mobile 3.0 beteiligten Firma MFD betriebene und wenig erfolgreiche DMB-Dienst „Watcha“ Ende April 2008 eingestellt werden mußte.

Ab Ende 2008 werden die Handyfernseh-Karten also neu gemischt.

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