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Privatradios kämpfen um ihr UKW-Biotop

Digitalradio-Schriftzug ab 6/2015 Die privaten Radios haben es sich seit Mitte der 1980er Jahre auf UKW gemütlich gemacht. Wer einen Sendeplatz erhalten hat, verdient in einer übersichtlichen Wettbewerbssituation dauerhaft sein Geld. DAB+ könnte das eingespielte System des begrenzten Wettbewerbs zu Fall bringen.

Die Ressourcen im UKW-Band reichen für maximal etwa 30 Programme je Region. Davon sind die Frequenzen der öffentlich-rechtlichen Stationen und evtl. der Offenen Kanäle usw. abzuziehen. Meist bleiben den Privaten wenig mehr als 20 Programmplätze. Ob kleiner lokaler Veranstalter oder Radio einer überregional aktiven Mediengruppe - Frequenzen werden für einen längeren Zeitraum (oft zehn Jahre) und mit Verlängerungsoption zugeteilt. Wer einen der begehrten Plätze im UKW-Band hat, agiert in einem relativ stabilen und übersichtlichen Wettbewerbsumfeld. So hat sich eine Art UKW-Biotop herangebildet; wer einmal drin ist, will drin bleiben. Und lehnt erst recht eine Sendetechnik ab, die die Zahl der Wettbewerber vermehrfachen könnte.

Radio - das einzige analoge Rudiment in einer digitalen Medienwelt?

Der Stand der Digitalradio-Dinge Anfang 2017 ist widersprüchlich:
Für den zweiten nationalen DAB+-Multiplex gibt es vier Wettbewerber um die Betreiber-Plattform; Ergebnisse bleiben abzuwarten.
Als erstes Bundesland beschließt Bayern die Simulcast-Förderung privater Radios. Schon ab 2018 sollen alle Radios parallel auf UKW und DAB+ zu hören sein.
In NRW wehren sich Lokalradios, Landesregierung und Medienanstalt weiter gegen DAB+.
Der Aktionsplan (Roadmap) des Digitalradio-Boards ist wenig konkret und nur ein Entwurf für Späteres. Selbst dem verweigern sich die Privatradios im VPRT.
Die Vervielfältigung von Schlagerradios und immer neue Musikwellen mit computergeneriertem Musikablauf von der Festplatte lassen eine inhaltliche Verarmung des Mediums Hörfunk befürchten.
Die Bundesreguierung hat den Vorschlag des Bundesrates vom Tisch gewischt, den hybriden Empfang in Radiogeräten gesetzlich vorzuschreiben. Drei Monate später schreibt das Bundesverkehrsministerium das wieder in die Roadmap - ein Muster ohne Wert?

Während in Norwegen die UKW-Abschaltung auf Hochtouren läuft und in der Schweiz angegangen wird, scheint in Deutschland unterm Strich eher ein Innovationsgau der Hörfunktechnik bevor zu stehen.

In dieser Situation hat sich der Lobby-Verein Digitalradio Deutschland mit einem Forderungskatalog zu Wort gemeldet. Die fünf Punkte sind eigentlich nicht neu, fassen aber die Sachlage und den Diskussionsstand Anfang 2017 ganz gut zusammen. Hier eine Dokumentation im Wortlaut.
Vor dem Hintergrund des Starts von DVB-T2 HD kann es nicht sein, dass Radio weiter die analoge Insel im Meer der digitalen Angebote bleibt.
Das digital-terrestrische Fernsehen startet im Frühjahr in die zweite Generation. Ab März 2017 wird digitales Antennenfernsehen über den neuen Standard DVB-T2 ausgestrahlt. Schon am 30. Juni 2009 ist die letzte verbliebene öffentlich-rechtliche Sendeanlage in Deutschland vom Analogbetrieb auf DVB-T umgestellt worden. Das Medium Radio muss, um zukunftsfähig zu bleiben und den gewachsenen Ansprüchen der Hörerinnen und Hörer zu entsprechen, so schnell wie möglich von der analogen in die digitale Welt überführt werden.
Digitalradio DAB+ bietet einen rauschfreien Klang, ist moderner, effektiver und persönlicher. Es ermöglicht bei den bundesweiten Programmen erstmals unterbrechungsfreies Hören in ganz Deutschland. Es liefert mehr Vielfalt auf ausreichend freien Kapazitäten zu weit günstigeren Verbreitungskosten.
Vor diesem Hintergrund ist die Politik gefordert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Umgang mit freien oder frei werdenden UKW-Frequenzen sowie bei der Verlängerung von UKW-Lizenzen zu prüfen.
Die Zukunft des Hörfunks liegt nicht nur im Internet.
Das Internet bietet zwar viele ergänzende Features für den Hörfunk, vom Rückkanal bei interaktiven Anwendungen bis hin zu ergänzenden Audio-Streams. IP kann dennoch nicht die alleinige Zukunft des Hörfunks sein. IP ist von Telekommunikationsunternehmen abhängig. Es sorgt für zusätzliche Kosten bei Hörern und Programmanbietern sowie für technische Probleme, vor allem beim Radiohören über Mobilfunk. In der digitalen Welt braucht Radio weiter einen eigenen Ausspielweg. Dieser existiert mit DAB+.
Eine DAB+ Roadmap kann nur mit verstärkter Kooperation von Bund und Ländern zum Ziel führen.
Marktbeteiligte beim Digitalradio DAB+ haben sich in einer Koalition zusammengeschlossen, um in einer Roadmap den gemeinsamen Weg zum Rundfunkstandard DAB+ zu beschreiben. Für den regulatorischen Rahmen benötigen alle aber auch die Unterstützung der Politik. Bund und Länder müssen 2017 verstärkt zusammenarbeiten, damit nach der erfolgreichen Einführungsphase nun auch die Eckpunkte für eine Migration von UKW hin zum Standard DAB+ festgelegt werden können. Die Zeit hierfür drängt, unter anderem auch, weil die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) erwartet, dass mit den Anmeldungen von ARD und Deutschlandradio zum 22. Bericht im Frühjahr 2019 mehrere Meilensteine bei DAB+ erreicht worden sind: Unter anderem, dass Bund und Länder eine Entscheidung über ein Konzept zur Abschaltung von UKW getroffen haben.
Privatradios brauchen Fördermittel für den Simulcast.
Kommerzielle Hörfunkanbieter benötigen zur Finanzierung eines Simulcasts von UKW und DAB+ finanzielle Mittel. Nur der Freistaat Bayern hat bisher ein Konzept zur Förderung der privaten Sender erarbeitet, um die Migration von UKW zu DAB+ voran zu treiben. Eine Förderung der Verbreitungs­kosten der privaten Sender wäre durch einen Digitalisierungsfonds von Bund und Ländern, etwa durch Erlöse aus der Digitalen Dividende II, einer technischen Infra­struktur­förderung durch die Medienanstalten oder besondere Preismodelle der Netzbetreiber möglich. Ähnliche Maßnahmen gab es bei der Digitalisierung der unterschiedlichen Verbreitungswege beim Fernsehen. Radio darf hier nicht benachteiligt werden.
Digitalradio DAB+ gehört als Standard in Fahrzeuge.
Ohne DAB+ Radio sind Neufahrzeuge in Deutschland nicht zukunftssicher, blickt man auch auf die Digitalisierung des Hörfunks im Ausland. Derzeit sind erst 14% der Fahrzeugmodelle serienmäßig mit DAB+ Empfang ausgestattet. Ein DAB+ Chip kostet im Schnitt 7 Euro, dazu kommt noch der Preis der Antenne. Vor diesem Hintergrund ist es einfach unverständlich, wenn Autobauer mehrere hundert Euro Aufpreis für den digitalen Radioempfang als Sonderausstattung verlangen. Solche Preismodelle blockieren eine schnellere Marktdurchdringung mit DAB+. Auch in diesem Punkt sind regulatorische Rahmenbedingungen im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher wünschenswert. So setzt sich der Bundesrat dafür ein, dass im laufenden Gesetzgebungsverfahren zur TKG-Novelle eine Verpflichtung für Gerätehersteller aufgenommen werden soll, zukünftig alle neuen Radiogeräte auch mit DAB+ Empfangsmöglichkeit auszustatten (sog. Interoperabilitätsverpflichtung). Mit dieser Multinormchip-Initiative, die z.B. auch vom CDU Netzwerk Medien und Regulierung getragen wird, könnte der Gesetzgeber im Interesse aller Beteiligten einen maßgeblichen Beitrag zur Beschleunigung der Digitalisierung des Hörfunks und damit auch zu einer langfristigen Senkung der Verbreitungskosten leisten.

DAB+: Belebt Konkurrenz das Geschäft wirklich (nicht)?

DAB+ könnte die regional vorhandenen Privatradios in zwei Multiplexen unterbringen. Da bis zu acht Multiplexe mit je etwa 15 Programmen möglich sind, könnte DAB+ theoretisch ein Mehrfaches an Programmen bringen. Eine solche Auswahl zwischen Programmen unterschiedlicher Ausrichtung - das ist im Sinne der Hörer wünschenswert. Für viele private Programmveranstalter, die sich auf UKW gut eingerichtet haben, ist das ein Schreckgespenst, denn es bedeutet mehr Wettbewerb um den nicht wirklich wachsenden Werbemarkt. In einem Artikel stellt die Süddeutsche Zeitung Anfang 2017 dazu fest: Es gebe „quasi unbegrenzt Frequenzen“ für DAB+. Weniger übertrieben ist die Schlußfolgerunge zum Thema Programmvielfalt: „Aus diesem Grund wiederum fürchten die Privatradios um ihr Geschäftsmodell, wenn die Konkurrenz bei DAB deutlich wachsen würde.“

Das wird von den Radioveranstaltern öffentlich kaum zur Sprache gebracht. Stattdessen wird DAB+ oft das Internet entgegengestellt, obwohl sich die Konkurrenz dort geradezu multipliziert. Die Lösung des Problems liegt wahrscheinlich in der parallelen Nutzung beider Plattformen. Eine Stärke von DAB+ ist die mobile Versorgung bei höchstmöglicher Ausfallsicherheit. Die Hörer können auch mobil gut erreicht werden - ein großer Teil des Radiokonsums findet ja im Auto statt. Das Internet mag für den Radioempfang in der Wohnung interessant sein, zumal die Radioanbieter interessiert sind, den Rückkanal für ihre Werbezwecke zu vermarkten. Eine weitaus wichtigere Rolle spielen übrigens die Betreiber von Telekommunikationsnetzen im VPRT. Nur auf dieser Lobby-Ebene kommen Radio und Mobilfunk optimal zusammen. Rein praktisch gedacht empfiehlt sich der Broadcast mit DAB+. Radio ist immer in der Luft und unabhängig von Netzstörungen oder Flatrate-Limits. Das zeigen Studien aus Schweden und Bayern.
Broadcast oder Mobilfunk fürs Radio? Studien aus Bayern und Schweden.

Die privaten gewinnorientierten Radios versuchen u.a. über ihre Lobbies, einen Umstieg von DAB+ zu verhindern oder wenigstens so lange wie irgend möglich zu verzögern. Völlig abgelehnt wird ein Termin für das Ende der analogen terrestrischen Radioverbreitung - also den Abschied von UKW. Auch mit dem EU-Vorschlag für Multinorm-Empfänger („Eurochip“) wollte man sich nicht recht befreunden. Allerdings begrüßte man 2016 einen entsprechenden deutschen Gesetzentwurf (den das Bundeskabinett abschmetterte).

„Nicht marktgetrieben“?

Ihre oben beschriebene Avervsion gegen DAB+ verstecken die VPRT-Radios seit 2011 hinter der Behauptung, DAB+ sei „nicht marktgetrieben“. Seine Blockade-Haltung hielt der VPRT bis zum Februar 2017 durch und verabschiedete sich vor der Veröffentlichtung der Roadmap aus dem Digitalradio-Board.

Der Geräteverkauf spricht eine etwas andere Sprache. 2015 wurden 952.000 (plus 32 Prozent) DAB+-Radios verkauft, 2016 waren es 1,2 Mio. Stück. Laut Digitalisierungsbericht hatten Mitte 2016 etwa 14 Prozent der Deutschen ein DAB+-Radio im Haushalt, laut einer Befragung Ende 2016 waren es schon 22 Prozent. Das ist im Verhältnis zu den etwa 140 Mio. UKW-Radios in privaten Haushalten (viele davon ganz hinten im Schrank) recht wenig. Nach Stückzahlen waren 2015 immerhin etwa gut 15 Prozent der 6,27 Mio. in Deutschland verkauften Radios mit einem Digitalempfänger (sowie einem UKW-Tuner) ausgestattet. Die Marktstatistiker der GfK bezeichneten Digitalradios als „einen der wichtigsten Wachstumstreiber“ im Radiogerätemarkt von 2015.

Vehement wird weiterhin eine Förderung der privaten Radioveranstalter während des Simulcast gefordert. Das kommt schon 2016 in Bayern. Andere Landesregierungen und Landesmedienanstalten haben ihre Zustimmung dazu signalisiert.

Weitere Informationen:
dehnmedia-Meldung: DAB+-Roadmap scheitert am Privatfunk (4) vom 21.2.2017.
dehnmedia-Meldung: DAB+-Roadmap scheitert am Privatfunk (3) vom 20.2.2017.
dehnmedia-Meldung: DAB+-Roadmap scheitert am Privatfunk (2) vom 17.2.2017.
dehnmedia-Meldung: Mehr Private dabei - aber noch nicht genug vom 10.2.2017.
dehnmedia-Meldung: Fünf Punkte Forderungskatalog für DAB+ vom 10.1.2017.
dehnmedia-Meldung: TLM-Chef fordert Unterstützung vom Land vom 7.1.2017.
dehnmedia-Meldung: DAB+-Roadmap scheitert am Privatfunk (1) vom 3.2.2017.
Dokument: Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 4.1.2017.
dehnmedia-Meldung: VPRT ist mit der Roadmap nicht zufrieden vom 1.12.2016, Positionspapier.
Presseinfo von Regiocast zu 90s90s vom 30.11.2016 (bei radioszene.de).
dehnmedia-Meldung: Es bleibt bei 17,50 Euro bis Ende 2020 vom 29.10.2016.
dehnmedia-Meldung: DAB+ und Webradio bringen Radioabsatz voran vom 14.3.2016.
dehnmedia-Meldung: DAB+ treibt Geräteabsatz hoch vom 4.2.2016.



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Diese Seite wurde zuletzt am 28.02.2017 geändert.
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